Umstrittene Bürgerin bei "Hart aber fair": Was der Sender ARD über die Fehlbesetzung sagt

Das erste Mal wurde "Hart aber fair" in neuem Gewand ausgestrahlt. Moderator Louis Klamroth konnte sich als Reporter und Chef der Produktionsfirma beweisen. Doch ein Gast sorgte für Fragezeichen. Jetzt äußert sich der Sender zum Patzer mit der Bürgerin.
Felicitas Breiteneicher |
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Zu Gast bei "Hart aber fair" waren: Carsten Schneider (SPD), der Beauftragte der Bundesregierung für Ostdeutschland, CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann und Sahra Wagenknecht, Führungsfigur der neuen BSW.
Zu Gast bei "Hart aber fair" waren: Carsten Schneider (SPD), der Beauftragte der Bundesregierung für Ostdeutschland, CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann und Sahra Wagenknecht, Führungsfigur der neuen BSW. © © WDR/Oliver Ziebe

Am Montag wurde in der ARD die erste Folge "Hart aber fair" in neuem Gewand ausgestrahlt. Doch die Ausgabe wirft viele Fragen auf, vor allem bei der Auswahl der Gäste. Obwohl der Schwerpunkt auf den Einzelschicksalen von Bürgern ein Alleinstellungsmerkmal ist, müsse dies dringend optimiert werden, berichtete schon das Medienmagazin "DWDL".

Trennung von Frank Plasberg: "Hart aber fair" arbeitet mit neuer Produktionsfirma

Im vergangenen Jahr übergab Frank Plasberg seine Polit-Talkshow "Hart aber fair" an Moderator Louis Klamroth. Die Produktion lag allerdings weiterhin bei Plasberg. Im September 2023 wurde bekannt, dass Klamroth sich endgültig vom alten Moderator trennen wird. Aufgrund dieser Entscheidung kam es zu Streitereien mit Frank Plasberg und dessen Produktionsfirma. Jetzt produziert Klamroths mit der eigenen Firma "Florida Factual".

Frank Plasberg warf seinem jungen Kollegen bei "DWDL" vor: "Er will den Bruch. Er war auch von Anfang an so gut wie nie hier in der Firma. Das war für die Truppe neu und gleichzeitig verstörend, dass er offensichtlich die Distanz gesucht hat." Laut Klamroth sah die Sache anders aus. "Wir haben mit Frank Plasberg und seinem Team über Wochen diskutiert. Zeitweise gab es die Überlegung, eine gemeinsame Unternehmung zu gründen. Aber am Ende wurde klar, dass es nicht zusammengeht", erklärte er im Interview mit der "Zeit".

Die erste Sendung in neuem Gewand: "Wenn Politik auf Wirklichkeit trifft"

Am Montag (30. Januar) war es dann so weit. Die erste Folge unter der neuen Produktionsfirma und im neuen Studio wurde ausgestrahlt. Das theoretische Sendungskonzept: Die Einbeziehung von Bürgergästen mit ihren persönlichen Erfahrungen. Jörg Schönenborn, WDR-Programmdirektor für Information, bezeichnete dies kürzlich als "Wenn Politik auf Wirklichkeit trifft." 

In der Praxis wurden die Veränderungen auch umgesetzt: In der Sendung standen Carsten Schneider (SPD), Carsten Linnemann (CDU) und Sahra Wagenknecht (BSW) enttäuschten Deutschen Rede und Antwort. Darunter war auch Friseurmeisterin Zuhra Visnjic aus Remscheid.

Nicht mehr dabei ist die frühere "Zuschaueranwältin" Brigitte Büscher. Stattdessen war Louis Klamroth als Reporter aktiv und holte Protestierende auf einer Demo ans Mikrofon.

Friseurmeisterin Zuhra Visnjic und Politiker reden aneinander vorbei

Allerdings konnte die Praxis nicht halten, was die Theorie versprach: Es fehlten wichtige Informationen über die Gäste. Louis Klamroth begrüßte neben den drei Politikern unter anderem die Friseurmeisterin. Diese erzählte von ihren Existenzängsten und meinte: "Ich habe immer SPD gewählt, von klein auf. Mein Vater hat gesagt, das ist die Arbeiterpartei, aber sie kümmern sich nicht um die Arbeiter."

Von den Politikern wurde natürlich erwartet, dass sie Stellung zu den Schicksalen und Meinungen der Bürger nehmen. Kein PR-Sprech über das jeweilige Parteienprogramm, sondern die Kommentierung des Einzelfalls war gefordert. Gelungen ist dies nicht. Lösungen wurden am Montag keine gefunden. Das große Ganze wurde ebenfalls nicht wirklich berücksichtigt. Es ist ein Problem, das sich aus dem neuen Konzept der Sendung heraus ergibt.

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Schneider (SPD) zollte Zuhra Visnjic seinen Respekt. Doch davon kaufen kann sich die Unternehmerin mit Migrationshintergrund nichts. Ebenso wenig von seiner Einschätzung, dass die "wirtschaftliche Lage besser ist als die Stimmung". Die Löhne ihrer Mitarbeitenden kann sie genauso wenig vom Ansatz von Carsten Linnemann zahlen. Denn: Der CDU-Generalsekretär will das Bürgergeld wieder abschaffen. Trocken sagte Visnjic unter Applaus: "Ich bekomme kein Bürgergeld."

Sahra Wagenknecht nannte als Lösung, die Energiepreise kurzfristig zu senken, bürokratische Auflagen zu minimieren, Einkommen aus Vermögen stärker zu besteuern als aus Arbeit und einen Mindestlohn von 14 Euro. Doch auch diese Antwort war für die Friseurin nicht zufriedenstellend. Eine sinnvolle und tiefgründige Diskussion kam daher bei "Hart aber fair" nicht zustande.

"Hart aber fair" will sich abheben: Politiker treffen auf Einzelschicksale und Bürger

Nun wird zu beobachten sein, inwiefern man die Bürgergäste in die Sendung einbezieht. Grundsätzlich wird aber in der Zukunft weiterhin über Einzelschicksale gesprochen, bei denen die Politiker möglichst konkrete Antworten geben sollen, heißt es auf AZ-Anfrage. Mit dieser Strategie will sich "Hart aber fair" von der breiten Massen an Polit-Talks abheben. Wünschenswert wäre es, wenn die Bürger im Studio glaubwürdiger seien.

Zuhra Visnjic, Friseurmeisterin aus Remscheid, zeigte sich von den Versprechungen aus der Politik wenig überzeugt.
Zuhra Visnjic, Friseurmeisterin aus Remscheid, zeigte sich von den Versprechungen aus der Politik wenig überzeugt. © © WDR/Oliver Ziebe

Patzer bei der Gästeauswahl: Die Geschichte eines Gastes passt nicht zusammen

Das Hauptproblem: Zuhra Visnjic selbst sorgte nach der Ausstrahlung für Kritik und Fragezeichen. Beim Durchsuchen des Internets fällt auf, dass die Friseurmeisterin aus Remscheid bereits häufiger in Fernsehsendungen zu sehen war. Sie tauchte in der "ZDF Reportage" über "Wenn Selbstständigkeit zum Albtraum wird" auf – und bei "Stern TV". Bei RTL ging es 2023 um die Mittelschicht in Deutschland.

Irritierend: Ihre Geschichte war in jeder Sendung eine andere. In allen Beiträgen erklärte Visnjic, dass der Salon einen Verdienst von 480 abwirft. Doch im ZDF hieß es, dass nur zehn Kunden in der Woche kommen – und nicht mehr 20 wie früher. Bei "Stern TV" ist von höchstens 30 Kunden pro Woche die Rede, früher sollen es 45 gewesen sein.  

Da ist es auch verständlich, dass für die Friseurin kein höherer Mindestlohn in Frage kommt. Dies würde bedeuten, sie könne ihre Mitarbeiter nicht mehr bezahlen. Die eigentliche Frage ist ja, ob Zuhar Visnjic überhaupt der richtige Gast für "Probleme des Mittelstands" ist. Läuft vielleicht auch etwas grundsätzlich falsch im Salon?

Die Produktionsfirma oder Louis Klamroth: Wer ist für den Fehler verantwortlich?

Dieser Verdacht ergibt sich zweifellos. Es stellt sich zudem die Frage, ob die "Hart aber fair"-Redaktion absichtlich das Publikum nicht über die TV-Vergangenheit des Gastes informierte. Dies wäre dann auch eine Kritik an Moderator Louis Klamroth, der durch den Produzentenwechsel inhaltlich mehr mitbestimmt.

Hätte er sich nicht einschalten und einen anderen Bürgergast einsetzen müssen? In der langen Winterpause wäre doch Zeit dafür gewesen, frische und geeignete Protagonisten zu finden. Nicht nur Zuhra Visnjic trat bereits mehrmals im TV auf – es war auch stets dieselbe Kundin, die sich in ihrem Friseursalon vor der TV-Kamera die Haare schneiden ließ. 

Der Sender reagiert nur schwammig auf Nachfrage der AZ: "Sie war aus unserer Sicht ein guter Gast"

Auf eine Anfrage der AZ reagiert der WDR, der gemeinsam mit "Florida Factual" die Produktion übernommen hat, nur knapp. Die Frage, wie man trotz der einzelnen Geschichten der Bürger auch das "große Ganze" im Blick behalten wolle, antwortete der Sender: "Das Motto der Sendung heißt: 'Wenn Politik auf Wirklichkeit trifft' – genau dies haben wir eingelöst durch unterschiedliche Gäste aus der Gesellschaft, die konstruktiv mit Vertretern der Politik diskutiert haben." Einen konkreten Plan für die nächsten Sendungen scheint es also nicht zu geben.

Genauso schwammig fiel auch die Reaktion zur Friseurin aus. Die AZ hakte nach, ob die Auswahl der Bürgerin eventuell unprofessionell und schludrig erfolgte. "Zuhra Visnic war aus unserer Sicht ein guter Gast für die Sendung. Die Redaktion hat im Vorfeld der Sendung intensiv mit ihr gesprochen, hat sie besucht und einen Einspielfilm mit ihr gedreht. Unsere Gäste wählen wir nach journalistischen Kriterien aus, nicht danach, ob sie schon einmal im Fernsehen aufgetreten sind", hieß es im Antwortschreiben.

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Quoten stimmen trotz Patzer: "Mit der Resonanz sind wir sehr zufrieden"

Louis Klamroth und die Produktion können sich aber auch über positive Reaktionen freuen.  2,43 Millionen Zuschauer sahen insgesamt den Auftakt der neuen Staffel von "Hart aber fair" (9,3 Prozent). Damit übertraf der Moderator auch die Durchschnittsreichweite des vergangenen Jahres. Außerdem war es die höchste Reichweite seit September 2023.

"Wir sind mit neuem Konzept und neuem Studio aus der Winterpause gestartet. Mit der ersten Sendung und der Resonanz sind wir sehr zufrieden und entwickeln die Sendung nun kontinuierlich weiter", erklärte der WDR in der AZ. Ein Quoten-Ziel für kommende Ausgaben von "Hart aber fair" will der Sender nicht kommunizieren. Wohlwissend, dass die Quoten der Auftaktfolge wohl nicht zu halten sind? Oder möchte man daran nicht gemessen werden?

Gute Nachrichten für das Publikum: Louis Klamroth bleibt weiterhin Reporter

Ein Grund für die guten Zahlen könnte auch Louis Klamroth gewesen sein. Der Moderator war selbst als Reporter auf einer Bauerndemonstration. Dort holte er Protestierende ans Mikrofon und befragte sie über ihre Forderungen.

Diese Aktion kam beim Publikum sehr gut an. Aber wird es in Zukunft weitere Außeneinsätze für Louis Klamroth geben? Der WDR sagte der AZ: "Louis Klamroth wird immer wieder als Reporter unterwegs sein, allerdings nicht in jeder Ausgabe." Jetzt bleibt nur noch zu hoffen, dass man bei "Hart aber fair" aus den Fehlern und Erfahrungen der ersten Folge mit neuer Produktionsfirma lernt. 

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  • Wolff am 01.02.2024 11:58 Uhr / Bewertung:

    Schon die Erwartung, dass Politiker konkrete Antworten auf konkrete Probleme geben, ist illusorisch. Erstens haben sie meist sowieso gar keine Ahnung, zweitens könnte die Antwort fehlerhaft sein und entsprechende Kritik hervorrufen und drittens wird sich keiner von denen für den Einzelfall festlegen. Da kann nur abgehobenes Parteigeschwafel kommen.

  • AufmerksamerBürger am 01.02.2024 09:19 Uhr / Bewertung:

    Unabhängige Recherchen haben herausgefunden, dass alleine im Januar 98 Fälle bei ARD und ZDF gab, bei den die "zufällig" befragten Personen entweder Mitarbeiter des Senders oder Grüne/SPD Mitglieder bzw. Abgeordnete usw. sind.

    Dem Zuschauer sollten hier echte Meinungen untergeschoben werden, letztendlich ist es Parteipropaganda.

  • Normalist am 31.01.2024 21:40 Uhr / Bewertung:

    Was will man von Herrn Neubauer erwarten ?

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