Südliche Auffahrtsallee: Münchens teuerste Ruine
Das Geisterhaus an der Südlichen Auffahrtsallee: Seit 16 Jahren verfällt es, der Garten verwildert – und das in dieser Lage. Die Stadt prüft jetzt, ob eine Zweckentfremdung vorliegt.
Nymphenburg - Ein laues Lüftchen weht durch die Bestlage. Der Nymphenburger Kanal glitzert in der Sonne, die uralten Bäume spenden Schatten. Die Häuser sind Paläste, die Autos Karossen, die Hecken Sichtschutz. Hier wohnt man nicht. Man residiert.
In der Südlichen Auffahrtsallee lebt die Nymphenburger Noblesse: Prinzen und Geldadel, Anwälte, Zahnärzte, Bosse und Berater. An den Klingelschildern prangen Doktortitel.
Dann kommt das Haus mit der Nummer 46: An die Fensterläden klammert sich toter, trockener Efeu. Der Wandputz platzt ab. Der Garten ist ein Gewirr aus Unkraut und jungen Buchen. Im Holzzaun hängen nur noch einzelne Latten. Und hinter dem aufgebrochenen Briefkasten stapeln sich alte, aufgequollene Telefonbücher im Gras. Niemand hat den Müll aufgehoben – weil niemand hier wohnt.
Dieses Haus in 1A-Lage am Nymphenburger Kanal – es steht schon seit 16 Jahren leer. Eine Frau, die gleich nebenan wohnt, hat hier noch nie jemanden gesehen. Bis auf ein paar Obdachlose, die in der Ruine immer mal wieder Partys feiern.
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Im Garten liegen noch plattgetretene Weinkartons und Schnapsflaschen von der Tanke. Und die Latten des Zauns sind wohl auf der Terrasse über der Garage fürs Grillen verfeuert worden. Die Polizei schaue wegen ihnen regelmäßig vorbei, sagt eine Anwohnerin. „Erst vor ein paar Wochen waren sie wieder da.“
16 Jahre – den Nachbarn fällt das halb verfallene Geisterhaus schon fast gar nicht mehr auf. Vielen Passanten dagegen offenbar schon. Eine Nachbarin erzählt, dass die Besitzer viele Angebote erhalten hätten: „Schauen Sie sich doch die Lage an!“ Ein Nachbar ist deshalb schon sichtlich genervt. Auf einem Zettel neben seiner Klingel hat er geschrieben: „Wenn Sie Fragen zum Haus nebenan haben, klingeln Sie erst gar nicht“. Auch ihm zuliebe sei daher an dieser Stelle allen gesagt: Es ist unverkäuflich.
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Dabei könnten die Besitzer einen Haufen Geld für die Immobilie verlangen. Laut Münchner Gutachterausschuss kostet ein Quadratmeter in dieser Lage 2800 Euro. Das etwa 430 Quadratmeter große Grundstück ist also 1,2 Millionen Euro wert – das wohl teuerste, ungenutzte Filetstück der Stadt. Warum die Besitzer nichts mit dem Areal anstellen, weiß niemand. Laut einer Nachbarin gehört es zwei Brüdern. Deren Mutter wohnte im Haus, bis sie starb. Dann geschah nichts mehr.
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Auch die Stadt weiß nichts über das Geisterhaus. In der Lokalbaukommission heißt es, es gebe aktuelle keine Bauanträge. Der Historiker des Viertels hat noch nie von dem Haus gehört und findet dazu nichts in seinen Akten. Denkmalgeschützt sei es auch nicht, sagt er. Auch der Bezirksausschuss ist ahnungslos – will den Fall aber jetzt untersuchen, sagt die Vorsitzende Ingeborg Staudenmeyer. Es könne sein, dass der jahrelange Leerstand eine Zweckentfremdung sei.
Nur die Besitzer können sagen, was sie mit der Millionen-Ruine am Kanal letztlich vorhaben. Einer von ihnen ist der Zahnarzt Christian R. Die AZ bittet in seiner Praxis um Rückruf. Und schreibt eine E-Mail. Eine Antwort bleibt allerdings aus.
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