2.000 Betreuungsplätze in München in Gefahr: Neue Regeln für Tagesmütter sorgen für Unmut
München - Fast 2.000 Kinder in München werden nicht in der Kita, sondern von einer Tagesmutter oder -vater betreut. Weil die auch zu Zeiten arbeiten, zu denen die Krippe oder der Kindergarten längst geschlossen hat. Oder weil die Kinder in einer kleineren Gruppe besser zurechtkommen. Denn eine Tagesmutter darf in ihrem eigenen Haushalt maximal fünf Kinder betreuen.
2.000 Betreuungsplätze in München in Gefahr: Neue Regeln für Tagesmütter
Doch diese 2.000 Betreuungsplätze stehen gerade auf dem Spiel, schildert Tagesmutter Monika Mäusl der AZ. Denn sie und zahlreiche weitere Tagespflegepersonen fürchten Einbußen von mehren Hundert Euro pro Monat. "Bei der aktuellen wirtschaftlichen Lage ist das in den häufigsten Fällen existenzgefährdend", so Mäusl.
Sie und eine Gruppe von etwa zehn weiteren Tagesmüttern wollen deshalb einen Verein gründen. Der soll die Interessen der Tageseltern im Rathaus vertreten.
Sozialreferat mit neuem Vorschlag: Stunden abrechnen statt Korridore
Schuld an dem Unmut ist eine Idee aus dem Sozialreferat. Im Dezember schlug es vor, die Art, wie Tageseltern abrechnen dürfen, zu verändern. Seit 2020 werden die Leistungen der Kindertagespflege nicht stundengenau, sondern in Zeitkorridoren bezahlt. Eine Tagesmutter, die 31 Stunden anbietet, bekommt in diesem System genauso viel Geld wie eine, die Kinder 35 Stunden pro Woche betreut.
Das Sozialreferat schlug vor, wieder stundengenau abzurechnen. Laut Referat hätten Tageseltern die Betreuungszeiten nach unten korrigiert. In Einzelfällen sollen Tageseltern Zuzahlungen verlangt haben, wenn Familien den Buchungskorridor voll ausschöpfen wollten. "In manchen Fällen wirkt sich der Betreuungskorridor nachteilig auf die Betreuungszeiten aus, Kindertagespflegepersonen erhalten Förderleistung für nicht erbrachte Betreuung", antwortet das Referat auf eine AZ-Anfrage.
Tagesmutter kritisiert Stadt München: So sind 10 bis 15 Stunden unbezahlt
Allerdings rechnet die Stadt vieles nicht mit ein, schildert Mäusl. Ihre Beispiele: Tageseltern betreuen Kinder oft in ihrem eigenen Zuhause. Das heißt, sie müssen Spielzeug, Kinderstühlchen und Bettchen bereitstellen, bevor die Eltern die Kinder bringen – und hinterher wieder aufräumen. Sie müssen kochen, einkaufen, Wäsche waschen, Elterngespräche führen, Büroarbeiten erledigen.
Zirka zehn bis 15 Stunden pro Woche fallen dafür laut Mäusl an. Doch eine Bezahlung erhalten Tageseltern dafür nicht. Wenn in Zukunft stundengenau abgerechnet wird, rechnen sie damit, dass sich die Situation verschlechtert. Und die ist laut Mäusl bereits prekär: Die Einnahmen reichen laut ihr nicht, "um die massiv gestiegenen Lebenshaltungskosten zu decken". Schon jetzt könne die Tätigkeit nur ausgeübt werden, wenn etwa der Partner für die Existenzsicherung sorgt.
Der Stadtrat hat im Sozialausschuss den Plänen bereits zugestimmt. Final beschlossen sind sie noch nicht. Denn in der letzten Vollversammlung des Jahres hat der Stadtrat den Beschluss zurück in den Sozialausschuss vertagt. Das ist ungewöhnlich und kommt daher, dass wohl ein paar Stadträte nicht recht wussten, was sie da beschlossen hatten.
CSU-Stadträtin Alexandra Gaßmann mit Kehrtwende: München soll altes System behalten
Die CSUlerin Alexandra Gaßmann fordert, das alte System beizubehalten oder eine ganz andere Lösung. Auch sie stimmte den Plänen erst zu. Warum? Weil sie überzeugt gewesen sei, dass sich durch den Beschluss die Situation für Tageseltern verbessert. Denn das Sozialreferat schlug in der gleichen Vorlage höhere Zuschüsse für Versicherung und Betriebskosten vor.
Die Abkehr vom Korridorsystem sei eher versteckt in den Unterlagen gewesen, so Gaßmann. Gespräche zwischen den Tageseltern und dem Sozialreferat gab es bis zu dem Beschluss keine. "Das ist ein ganz mieser Stil", sagt Gaßmann. Aus ihrer Sicht leisten die Tageseltern einen wertvollen Beitrag zur Betreuung – etwa für Eltern, die im Schichtdienst arbeiten.
Im Februar diskutiert der Stadtrat im Sozialausschuss erneut über die Vorlage. Inzwischen trafen sich Mäusl und weitere Tageseltern mit dem Sozialreferat und der Dritten Bürgermeisterin. Mäusl wertet das als einen ersten positiven Schritt.
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