"Exiles" für Chor, Sopran und Orchester: Quatsch eines Querdenkers?

Das BR-Symphonieorchester mit Werken von Schostakowitsch und Julian Anderson in der Isarphilharmonie.
Robert Braunmüller
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Manfred Honeck dirigiert das BR-Symphonieorchester in der Isarphilharmonie.
Manfred Honeck dirigiert das BR-Symphonieorchester in der Isarphilharmonie. © Astrid Ackermann/BR

Schon das Programmheft findet es "zwiespältig", die babylonische Gefangenschaft der Juden, Exil-Erfahrungen des 20. Jahrhunderts und ein Spaziergang-Verbot während des Lockdowns zusammenzubringen. Wir dürfen hier deutlicher werden: Vor dem Hintergrund deutscher Debatten ist die Textauswahl von Julian Andersons "Exiles" für Chor, Sopran und Orchester schlicht querdenkerischer Quatsch.

Der Chor des BR wird von Julian Anderson nicht gefordert

Die seltsame Textauswahl ist das eine. Starke Musik könnte – wie Opernbesucher wissen – über vieles hinwegtrösten. Doch Andersons pauschale Komposition arbeitet keine Widersprüche zwischen den Texten heraus, sie betont das Gemeinsame. Besonders interessant mag man sie schwerlich nennen: Vieles wird unbegleitet gesungen, der individuelle Charakter der Texte zwischen Brief und Psalm verschwimmt.

Der Chor des Bayerischen Rundfunks hatte überwiegend deklamierend zu singen, der große Orchesterapparat differenzierte wenig. Die Sopranistin Julia Bullock durfte immerhin momentweise schönes Material und ein angenehmes Timbre vorführen, wirklich gefordert wird sie von Julian Andersons Musik ebensowenig wie der Chor des Bayerischen Rundfunks.

Aber ein vom BR-Symphonieorchester gemeinsam mit dem London und Boston Symphony Orchestra beauftragtes Großformat wird man auch nicht ohne Weiteres wieder los. Und: Dieser Flop macht die Modernisierungsstrategie des Orchesters nicht falsch, jenseits typischer Avantgarde in der musica viva auch im Normalprogramm neue Werke der gemäßigten Moderne vorzustellen.

Eine erstklassige Aufführung des blendend disponierten BR-Symphonieorchesters

Danach folgte – je nach Geschmack passend oder unpassend – ein weiteres Werk des inneren Exils: die Symphonie Nr. 5 von Dmitri Schostakowitsch. Als Hoch- und Überdruckmusiker ist Manfred Honeck dafür der perfekte Interpret, der Konzertmeister Radoslaw Szulc traf in den Soli den typischen fahlen Sound ideal.

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Im Kopfsatz kam sehr präzise heraus, wie die Themen durch das sowjetrussische Pathos verzerrt werden. Der zweite Satz lärmte absichtsvoll derb, im dritten störte das manieriert langsame Tempo den symphonischen Zusammenhang. Im Finale wäre das gleißende Dur greller vorstellbar. Nichtsdestotrotz aber: eine sehr runde, erstklassige Aufführung des blendend disponierten BR-Symphonieorchesters.


Noch einmal am Samstag, 1. April, 19 Uhr in der Isarphilharmonie

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