Coolness ist das högschde Gebot
Vor zwei Jahren wollte Klinsmann Gegner Polen „durch die Wand klatschen“. Für Nachfolger Löw sind solche Sprüche tabu. Er geht ganz anders vor. Druck? Anspannung vor seinem ersten Turnier als Chefcoach? Nicht mit dem smarten Schwaben! Bei Löw ist Coolness das högschde Gebot.
TENERO Diese Schuhe! Es gibt ja genug Vorurteile gegenüber Männern, die im Sommer weiße Slipper tragen. Aber wenn’s passt, dann passt’s. Wie bei Joachim Löw, dem Bundestrainer. Und in einer Urlaubsregion wie hier am Lago Maggiore darf man schon mal solche Schuhe wählen. Das beschwingt. Als Löw gestern das Podium im Pressekonferenz-Saal von Tenero enterte, nahm er ein paar Schritte Anlauf und sprang locker hinauf.
Weißes Hemd, weiße Schuhe, strahlende Laune. „Morgen!“, rief er den Journalisten zu. Und als sich einer während seiner ersten Sätze per erhobener Hand für eine Frage wie in der Schule meldete, antwortete er: „Sie wollen schon fragen, bevor ich etwas gesagt habe? Dann könnte ich mir ja mein Statement hier sparen.“ Er grinste. Die Reporter lachten. 1:0 für Löw. Die EM kann beginnen.
Coolness ischd das högschde Gebot.
„Nun fiebern alle auf das erste Spiel am Sonntag gegen die Polen hin“, sagte er dann mit ernster Miene: „Man spürt, wie die Anspannung bei den Spielern von Tag zu Tag wächst.“ Bei den Spielern, bei ihm offenbar nicht. Druck? Anspannung vor seinem ersten Turnier als Chefcoach? Nicht mit dem smarten Schwaben! Bei Löw ist Coolness das högschde Gebot.
Weil er schon ahnt, dass man ihm diese Lässigkeit, diese Lockerheit nicht abkauft, betonte er: „Das sage ich ganz ehrlich: Ich Freude mich mehr auf das Turnier, als dass ich nervös bin. Ich spüre die Leidenschaft und Hartnäckigkeit der Spieler, etwas erreichen zu wollen. Und das gibt mir Kraft.“ Ein Schutzmechanismus? „Nein“, sagt sein Berater Roland Eitel der AZ. „Der Jogi ist so. Er hat die Ruhe weg, kann alles ausblenden, was ihn stört und von seiner Konzentration aufs Wesentliche ablenkt.“
Provokationen perlen an ihm ab
Und die Nebengeräusche? Die üblen Schlagzeilen der polnischen Presse? „Ich glaube nicht, dass das repräsentativ ist, was da in einer Zeitung geschrieben worden ist“, sagte Löw. Auf der Fotomontage einer Titelseite war er geköpft worden. Aber Löw nahm’s natürlich cool, ging nicht weiter auf die Provokation ein.
Sein smarter Gegenangriff – ein Lob für Polens Trainer und die Fans. „Beenhakker hat bei allen seinen Stationen bewiesen, dass er nicht nur kompetent ist, sondern auch menschlich sehr zugänglich und sehr offen.“ Wie auch die Fans? Löw: „Ich kenne persönlich einige Polen sehr gut und ich habe das noch in Erinnerung, was 2006 in Dortmund war. Da hatte ich das Gefühl, dass auch die polnischen und deutschen Fans zusammen dieses Spiel und die Spannung vor und nach dem Spiel genossen haben.“ Nicht alle. Es war zu den schwersten Ausschreitungen während der WM gekommen, beteiligt waren deutsche und polnische Randalierer. Doch Löw lächelt selbst die Erinnerung an so etwas weg.
Ruhig, sachlich, fachlich
Polen und die WM 2006 – abgesehen von Neuvilles Treffer in der Nachspielzeit zum 1:0 denkt man an Klinsmanns derber Kabinenansprache, die jeder im Sommermärchen-Film anschauen konnte: „Los, Jungs“, brüllte da der Coach, „wir klatschen die Polen durch die Wand!“
So etwas würde Löw nie über die Lippen kommen. „Er ist in seiner Art und in seiner Ansprache ruhiger und sachlicher“, erzählte Torsten Frings, „Löw kommt eher über die fachliche Schiene.“ Und besticht mit Freundlichkeit und Lockerheit. Den medialen Angriff der polnischen Presse ignoriert er weitestgehend. „Der Jogi ist viel zu clever. So kurz vor einem Spiel trennt er für sich das Wesentliche, also die Mannschaft, vom Unwesentlichen, Er weiß, dass kritische Äußerungen von ihm da jetzt nur weitere Unruhe reinbringen“, sagte sein Berater Eitel, „er ist wahrlich kein unpolitischer Mensch, daher schweigt er und steht über den Dingen.“ Und das in weißen Slippern.
- Themen:
- Joachim Löw
- Torsten Frings