Ghost Walk: Fußmarsch in New Yorks Grusel-Historie
New York - Dumpfe Schläge gegen Wände, Klavierklänge aus einem leeren Zimmer mitten in der Nacht; manche Besucher des Merchant's House Museum sagen sogar, sie hätten mit einer Frau in historischer Kleidung gesprochen - von der jedoch niemand etwas wusste. Gertrude Tredwell ist seit fast hundert Jahren tot. Dennoch wollen sie seitdem viele Menschen immer wieder gesehen haben; in dem Haus an der East Fourth Street im New Yorker Stadtteil East Village.
Das Merchant's House Museum ist Manhattans bekanntestes Geisterhaus und deshalb eine Station auf dem New York Ghost Walk - eine etwas andere Tour durch die Metropole. Es ist Freitagnacht im Oktober. Die drei Teilnehmer Cat, Amanda und Ryan hängen förmlich an den Lippen des Tourleiters Victor Magnus: Der schaut unter seinem schwarzen Zylinder hervor, die dunklen Augen fixieren seine Hörerschaft, sein Arm gleitet langsam in die Luft Richtung Eingangstür: "Nie wieder werdet Ihr diese Orte mit denselben Augen sehen", sagt er.
Halloween steht vor der Tür. In den Vereinigten Staaten ist Gruselsaison. Die richtige Zeit, um die ungewöhnliche Wanderung durch die Stadt zu starten, dachten sich Magnus und sein Partner Father Sebastian. Die Tour soll Touristen, aber auch New Yorker anlocken; seit Anfang September zieht Magnus dreimal in der Woche nachts mit einer Gruppe los, um Spukhäuser und Orte aufzusuchen, an denen sich Tragödien ereignet haben. Halloween ist der beliebteste Festtag für die 28-jährige Cat.
Geistergeschichten faszinierten die aus Washington DC stammende Psychologie-Studentin sehr. "Ich möchte mich in die richtige Stimmung für Halloween bringen", begründet sie ihre Teilnahme am Ghost Walk. Wie für Cat ist das Geisterfest für die meisten Amerikaner beliebtes Brauchtum.
Schon Ende September sind Fenster mit Skeletten und anderen Monstrositäten dekoriert, vor Haustüren liegen zu Fratzen geschnittene Kürbisse. Das lässt sich die Bevölkerung Milliarden kosten, belegt die jährlich umgesetzte Studie des Einzelhandelsverbandes National Retail Federation, die allein für die Dekoration Ausgaben in Höhe von zwei Milliarden Dollar für 2014 prognostiziert. Mit Kostümen, Süßwaren und Festlichkeiten soll der Handel sogar einen Umsatz von 7,4 Milliarden Dollar (5,9 Milliarden Euro) machen.
"Zu Halloween darfst Du einfach Du selbst sein", weiß Victor Magnus um die Beliebtheit des Feiertages. "Die Kostüme helfen dabei, Dein Inneres nach außen zu bringen, egal ob aufreizende Frau oder starkes Monster." Und dabei dürfe eben auch an Geister geglaubt werden. Der Spätsommer lockt Bewohner und Touristen nach draußen. Die Gruppe taucht unter in den Massen der Ausgehfreudigen. Angeführt von dem Mann im Steampunk-Look, einem Science-Fiction-Modetrend dominiert von schwarzen Farben, geht es zur nächsten Station.
Es ist fast 23 Uhr. Der Washington Square Park ist stockfinster. Täglich treffen sich dort Tausende, um zu entspannen, Hunde Gassi zu führen oder mit dem Partner engumschlungen vor dem großen Brunnen zu sitzen. Es ist ein Ort, der den Zauber New Yorks fühlbar macht. Magnus weiß aber auch den in einem anderen Licht erscheinen zu lassen.
"Was die Meisten nicht wissen, ist", sagt er, "dass der Park mal als Friedhof genutzt wurde. Unter Euch liegen 20 000 Leichen." Zweieinhalb Stunden lang erzählt Magnus von den dunklen Seiten der Stadt: während der Kolonialzeit, der Amerikanischen Revolution und von Tragödien wie das Feuer in der ehemaligen Triangle Waist Company Factory des heutigen Brown Gebäudes der New York Universität, bei dem etliche Frauen aus den oberen Stockwerken in den Tod sprangen, um den Flammen zu entkommen. Magnus' Geschichten sind mehr als schlichte Gruselanekdoten.
"Es sind keine erfundenen Märchen", betont der gebürtige New Yorker. "Ihr könnt später alles nachrecherchieren", ergänzt er. Denn der New York Ghost Walk erzählt gruselige Historie. Alles ist wahr.