Polizei München: "Jeder zehnte Autounfall ist manipuliert"

Ein Ermittler geht davon aus, dass jährlich 4000 Crashs in München vorgetäuscht oder mit Absicht verursacht werden. Wer den Schaden zahlen muss.
Nina Job |
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An diesen Stellen werden häufig Unfälle von sogenannten "Autobumsern" provoziert.
An diesen Stellen werden häufig Unfälle von sogenannten "Autobumsern" provoziert.

Ein Ermittler geht davon aus, dass jährlich 4.000 Crashs in München vorgetäuscht oder mit Absicht verursacht werden. Wer den Schaden zahlen muss.

München - Es war schon dunkel, als der Münchner Peter F. (Name geändert) an einem Novemberabend auf der Bodenseestraße einen Porsche Cayman im Rückspiegel sah. Der 63-Jährige fuhr in seinem VW gen Innenstadt. Er dachte, der Porschefahrer wolle ihn überholen.

Doch als er bereits neben ihm war - wenige Meter, bevor die Bodenseestraße schmaler wird - bremste der Porschefahrer plötzlich ab. Die Autos krachten seitlich aneinander.

Peter F. verstand erst gar nicht, wie der Unfall passiert war. Es kam ihm komisch vor. Und warum setzte der Porschefahrer (29) seinen Wagen direkt nach dem Zusammenstoß mehrere Meter zurück?

Sein Bauchgefühl betrog den Rentner nicht: Der Porschefahrer hatte den Unfall provoziert. Mit dem Zurücksetzen wollte er verschleiern, was genau passiert war. Er wollte die Versicherung betrügen.

"So läuft es häufig ab", sagt Kriminalhauptkommissar Thomas Staiger (57), Experte für vorgetäuschte Verkehrsunfälle bei der Münchner Polizei. "Fahrbahnverengungen sind ein beliebter Ort, wo es Betrüger darauf anlegen, dass es kracht."

Der Porschefahrer behauptete, der Rentner sei schuld gewesen. Der 29-Jährige meldete dessen Versicherung einen Schaden von 10.000 Euro. Peter F. war erstmal der Gelackmeierte. Er wurde hochgestuft. Für seinen eigenen Schaden musste selbst aufkommen, da er keine Vollkasko abgeschlossen hatte. Der Crash bescherte ihm eine Riesenscherei mit seiner Versicherung. Erst Jahre später konnte bewiesen werden, dass er unschuldig gewesen war.

Jeder zehnte Verkehrsunfall in Deutschland ist provoziert oder vorgetäuscht, schätzt der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. Die Manipulationen verursachen einen Schaden von geschätzten vier Milliarden Euro - pro Jahr. Die Rechnung zahlen alle Autofahrer: denn diese Schäden treiben die Beitragszahlungen für die KFZ-Haftpflichversicherung in die Höhe.

Thomas Staiger hält die Zahlen der Versicherer für realistisch. Bei rund 40.000 Autounfällen, die jährlich in München passieren, wird also bei rund 4.000 manipuliert. Doch aufgedeckt werden längst nicht alle.

Selbst Polizisten könnten bei der Unfallaufnahme nicht immer erkennen, dass ein Crash mit Absicht geschah, gibt Thomas Staiger zu.

An diesen Stellen werden häufig Unfälle von sogenannten "Autobumsern" provoziert.
An diesen Stellen werden häufig Unfälle von sogenannten "Autobumsern" provoziert.

An diesen Stellen werden häufig Unfälle von sogenannten "Autobumsern" provoziert. Grafik: AZ, Karte: Google Maps

Die meisten manipulierten Unfälle werden durch Versicherungen aufgedeckt. Denn: "Autobumser", wie sie umgangssprachlich genannt werden, sind häufig Wiederholungstäter. "Wenn ein und derselbe Familienname in Verbindung mit einem Unfall auftaucht, werden die Versicherungen hellhörig", sagt der Polizist. Dann landet der Fall bei Thomas Staiger und seinen Kollegen.

So lief es auch mit dem Unfall in der Bodenseestraße. Die Versicherung glaubte die Version des Porschefahrers nicht. Sie schaltete die Polizei ein.

Die Betrügereien der Autobumser nachzuweisen, ist schwierig: Zwar können heute viele Informationen aus den Bordcomputern moderner Autos herausgelesen werden - beispielsweise, ob der Unfallgegner noch kurz vor dem Zusammenstoß beschleunigt hat - doch standardmäßig wird das (noch) nicht gemacht.

Die Ermittlungen sind aufwendig und langwierig: Alle 40 Versicherungen müssen angeschrieben werden, Gutachten überprüft und Zeugen befragt werden - oft Monate oder Jahre, nachdem der Unfall passiert ist.

Der Unfall in der Bodenseestraße war nur ein Steinchen in einem Mosaik: Im Lauf der Jahre konnten die Ermittler den fünf Geschwistern insgesamt 25 manipulierte Unfälle nachweisen.

Die Autobumser sind - wie die Geschwister - oft bandenmäßig organisiert: "Zu dieser Betrugsmasche gehört in der Regel ein Gutachter, der ein Gefälligkeitsgutachten schreibt und eine Werkstatt, in der der Schaden günstig reguliert wird", erklärt Thomas Staiger.

"Auf diese Weise kann man bis zu 75 Prozent von der Summe, die die Versicherung gezahlt hat, behalten." Bei einem teuren Wagen, bei dem ein Schaden an der Seite schon mal 25.000 Euro und mehr kostet, kommt da schon was zusammen.

Die Genugtuung für den Rentner Peter F. kam spät. Der Porschefahrer von der Bodenseestraße saß ein Jahr in Untersuchungshaft und wurde später zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt.


Der Porsche-Fall

Drei Jahre lang (von 2008 bis 2011), ermittelte die Münchner Kripo gegen fünf Geschwister aus München. Kopf der Bande war ein Automechaniker, der die kaputten Sportwagen wieder herrichtete.

Die Geschwister prellten verschiedene Kfz-Versicherungen und Unfallgegner um mindestens 200.000 Euro. Zwei Unfälle verursachte die Bande direkt vor der Polizeiwache in der Drygalski Allee in Fürstenried. Die Familie wurde wegen insgesamt 25 manipulierten Crashs verurteilt.

Der Haupttäter wurde zu vier Jahren und sieben Monaten Gefängnis wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr und bandenmäßigen Betruges verurteilt. Zwei Geschwister kamen mit Bewährung davon, der Vierte mit einer Geldstrafe.

Besonders schwer wog ein Fall, in dem einer der Brüder eine Ölspur auf der A8 gelegt hatte. Der zweite fuhr einen Porsche an die Leitplanke. Als die Polizei kam, stand eine der Schwestern weinend neben der Leitplanke. Erst in diesem Jahr standen 20 Mittäter vor Gericht: Vermittler, Gutachter und Autohändler.

Lesen Sie hier Teil 1 der Serie: Die fiesen Maschen der Betrüger

Lesen Sie hier Teil 2 der Serie: 20 Stunden in den Fängen der Microsoft-Betrüger

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