Apotheker und Ärzte aus München verraten in der AZ: Was gegen die Wiesngrippe wirklich hilft

Fast jeder hat Angst vor der Oktoberfestgrippe – oder Corona. In Apotheken gibt es Mittel, die vorbeugen sollen. Wirken die? Die AZ hat einen Arzt dazu befragt.
Hüseyin Ince
|
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
2  Kommentare
lädt ... nicht eingeloggt
Teilen  AZ bei Google News
Marion Hill, Leiterin der Heimeran-Apotheke, berichtet wie all ihre Kollegen rund um die Wiesn von der großen Orthomol-Nachfrage bei Oktoberfest-Bedienungen.
Marion Hill, Leiterin der Heimeran-Apotheke, berichtet wie all ihre Kollegen rund um die Wiesn von der großen Orthomol-Nachfrage bei Oktoberfest-Bedienungen. © Hüseyin Ince

München – Feucht-fröhlich, alkoholisiert Arm in Arm, mitgrölen, mitkuscheln, mitschunkeln – und einige Viren sowie Bakterien schunkeln immer mit, springen vom Münchner zum Australier, zum Engländer, Amerikaner, Franzosen, Italiener und zurück. Vor allem das Corona-Virus freut sich über den Nationen-Cocktail in den Wiesn-Zelten.

Apotheken verkaufen seit Jahren Mittel, die Ansteckungen vorbeugen sollen. Die AZ hat in Münchner Filialen rund um die Wiesn gefragt. Und sie sind sich einig. In allen Dreien heißt es: "Vor der Wiesn kommen gefühlt alle Münchner Zelt-Bedienungen und wollen Orthomol kaufen."

Apotheker aus München verraten: Diese Arznei wollen alle Besucher vor der Wiesn kaufen

Das erzählt auch Marion Hill, Leiterin der Heimeran-Apotheke am Heimeranplatz oder Daniela Knebel aus der Kugel-Apotheke. Letztere wirbt mit einem großen Klappständer vor dem Geschäft: "Mit Orthomol Immun. Fit. Für die Wiesn." Ähnliche Wirkung habe auch ein Multivitamin-Präparat von Biolectra. Es sei aber nicht so gefragt wie der Dauerrenner Orthomol. Hill nennt dann noch eine Bio-Tinktur, die vorbeugen soll: Propolis, mit Propolis-Extrakt, also gewonnen aus Bienen-Harz.

"Orthomol immun" ist eine Vitaminmischung. "Wertvolle Nährstoffe für das Immunsystem", so wirbt der Hersteller selbst dafür. Der Plan vieler Bedienungen scheint also zu sein, sich vor dem Fest mit Orthomol robust und fit zu machen, damit der Körper Viren und Bakterien besser abwehren kann. Das lassen sie sich ordentlich kosten: Die große Packung Orthomol-Kur kostet schon online mehr als 50 Euro.

Lesen Sie auch

Lesen Sie auch

Lesen Sie auch

Auch ein Nasenspray wird vor dem Oktoberfest zum Verkaufsschlager

Weitere Mittel, die sich gut verkaufen, sind Algovir, ein Nasenspray, das aus der Rotalge gewonnen wird. Es soll per Schutzfilm vor dem Eindringen der Viren in die Schleimhäute schützen, "vorausgesetzt, man atmet nur durch die Nase", sagt ein Apothekenmitarbeiter mit einem Augenzwinkern.

Auch von Hersteller Wick gibt es ein ähnliches Spray. Halbsynthetisch, sagt ein Apotheker. Es hafte sich an den Schleimhäuten an die Viren, damit die nicht weiter eindringen können, sei ebenfalls relativ beliebt, ähnlich wie Algovir – oder auch Linola Sept, ein antiseptisches Spray. Rund zehn Euro kosten diese Art Sprays, mal mehr, mal weniger.

Ein Arzt aus München schätzt ein, ob die Arzneimittel wirklich helfen können

Ein weiteres Spray von Stada verspricht, die Schleimhäute feucht zu halten. Alkohol trocknet sie schließlich ein wenig aus. Die Rechnung: "Je feuchter die Schleimhäute, desto geringer die Wahrscheinlichkeit eines Erregereintritts", sagt ein Apotheker. Ein anderer Apotheker nennt noch die Linola Sept Rachenspülung mit Zink. Sie wirke antibakteriell und könne auch helfen, die Erregerzahl deutlich zu reduzieren. Genauso wie das Rachen-Spray von Hersteller Tantum Verde, vielen bekannt wegen der dunkelgrünen Farbe.

Doch was sagt ein praktizierender Arzt zu all den Mitteln? Können sie wirklich helfen? Ein Treffen mit Florian Neumann (59), leitender Oberarzt in der Helios Klinik München West. Er ist ein Spezialist für Gastroenterologie, Diabetologie, Endoskopie und nimmt auch Eingriffe vor (interventionelle Medizin).

Helios-Klinik München West: Leitender Oberarzt Florian Neumann hat diese Woche einen Wiesn-Termin. Es klappt also schlecht mit der Prämisse, gar nicht erst auf das Oktoberfest zu gehen, um so das Ansteckungsrisiko auszuschließen.
Helios-Klinik München West: Leitender Oberarzt Florian Neumann hat diese Woche einen Wiesn-Termin. Es klappt also schlecht mit der Prämisse, gar nicht erst auf das Oktoberfest zu gehen, um so das Ansteckungsrisiko auszuschließen. © Martha Schlüter

Neumann hat Sinn für Humor. Beste Vorbeugung gegen Wiesn-Grippe? "Erst gar nicht hingehen!", sagt er halb im Scherz. Aber natürlich weiß er, dass es für viele Münchner sehr schwierig ist, diesem Fest zu widerstehen. Er selbst werde mindestens einmal im Wiesn-Zelt feiern.

Wir geben ihm die Liste der Mittel. Oft kommentiert er: "Kann sinnvoll sein", wie etwa bei Algovir. Das Halsspray Tantum Verde könne mit dem Wirkstoff Benzydamin gut helfen, wenn der Infekt schon da sei, um die Schmerzen zu lindern und Entzündungen im Hals zu hemmen. Vorbeugend könne auch Linola Sept verwendet werden, um einfach die Virenlast zu reduzieren. "Prophylaktisch, ja", sagt der Mediziner Neumann.

Vitamin C wird zur Stärkung des Immunsystems empfohlen

Orthomol immun und Biolectra immun redet Neumann auch nicht schlecht: Das seien zwei ähnliche Produkte, die viel Vitamin C, D, Zink und Selen enthalten. Zur Stärkung des Immunsystems könne das sinnvoll sein. Er verstehe das schon, wenn Wiesn-Bedienungen darauf schwören. Aber das gehe alles auch anders.

Um etwa Vitamin C reichlich aufzunehmen, "können Sie eine Zitrone auspressen, mit Wasser verdünnen und trinken", sagt Neumann, "das ist eine Vitamin-C-Bombe!" Und das Produkt Curazink? "Da würde ich gleich zu Orthomol oder Biolectra raten, weil da Zink plus weitere Vitamine enthalten sind – und nicht nur reichlich Zink", sagt Neumann.

Lesen Sie auch

Lesen Sie auch

Lesen Sie auch

"Wenig Alkohol, wenig Fleisch": Was gegen die meisten Volkskrankheiten hilft

Bei der Tinktur Propolis wirkt er etwas skeptisch. "Hier ist die Wirkung an Menschen durch Studien noch nicht eindeutig belegt", sagt er. Das müsse daher jeder selbst wissen. All die Mittel seien lediglich eine Extra-Maßnahme. Neumann empfiehlt, viel strategischer zu denken, nämlich eine langfristig gute, ausgewogene Ernährung, dazu Bewegung.

"Essen Sie häufig Zitrusfrüchte, Grapefruit zum Beispiel", sagt Neumann, "bewegen Sie sich. Ich rate zu wenig Alkohol, wenig Fleisch, dafür reichlich bitteres Gemüse, Ingwer, Artischocken, Rettich, Knoblauch", auch Lebensmittel mit Omega-Fettsäuren empfiehlt Neumann. All das nicht nur vor und nach der Wiesn, ein Leben lang. "So hätten wir wesentlich weniger Volkskrankheiten", ist er überzeugt. So sei auch jeder gegen Wiesn-Viren gut gewappnet.

Vor der Wiesn sollten die Besucher einen "Detox" einlegen

Während des Wiesn-Besuchs sei es sehr sinnvoll, immer ein Glas Wasser oder etwas Nicht-Alkoholisches parallel zu trinken. "Das hält die Schleimhäute besser feucht als ein Mittel wie Stada", sagt er.

Und: "Detox" vor dem Oktoberfest."Wenn ich weiß, dass ich auf der Wiesn viel Bier trinken werde, sollte ich davor meiner Leber eine Pause gönnen", empfiehlt Neumann. Also kein Alkohol und kein fettiges Essen in den Tagen vor dem Wiesn-Besuch. "Alles, was sie zu viel aufnehmen, verwandelt die Leber zu Fett", das sei nicht gesund.

Lesen Sie auch

Lesen Sie auch

Lesen Sie auch

Man müsse dem Organ die Gelegenheit geben, überschüssiges Fett abzubauen. Das gelte auch für die Zeit nach dem Wiesn-Besuch. Da stellt sich noch die Frage, wie viel genau zu viel Alkohol ist.

Neumann nennt den aktuellen Stand: Bei Männern: maximal 40 Gramm Alkohol pro Tag, das seien etwa 0,7 Liter Bier. Bei Frauen gelte: maximal 20 Gramm Alkohol pro Tag, also in etwa 0,3 Liter Bier. Das halte aber leider nicht jeder ein. "Die meisten Patienten mit einer Leberzirrhose haben in ihrem Leben viel zu viel Alkohol getrunken", sagt Neumann.

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
 
2 Kommentare
Bitte beachten Sie, dass die Kommentarfunktion unserer Artikel nur 72 Stunden nach Veröffentlichung zur Verfügung steht.
  • Nobbse2710 am 01.10.2023 13:27 Uhr / Bewertung:

    Was gegen die Wiesngrippe wirklich hilft? Sogar präventiv? Garnicht erst auf die Wiesn gehen.
    Schont sogar das Portemonnaie.

  • BBk am 01.10.2023 11:07 Uhr / Bewertung:

    Und noch was - ÖKOTEST schreibt
    „Rezeptfreie Immunstimulanzien fallen durch
    Allein der Versuch, die Abwehrkräfte zu stimulieren, sei kontraproduktiv, sagt Professor M. L. vom Institut für Immunologie und Virologie der Uni Würzburg. Denn bei einem Gesunden ohne Erkältung laufe das Immunsystem ausgeglichen. Die Gabe von Immunstimulanzien rufe im schlimmsten Fall eine Überreaktion hervor, erklärt er. Von den rezeptfreien Mittel sind seiner Ansicht nach solche Reaktionen aber ohnehin nicht zu erwarten.“

merken
Nicht mehr merken
X

Sie haben den Inhalt der Merkliste hinzugefügt.