Interview

Motorrad-Demo-Organisator: "Wir sind die Biker-CSU"

Tausende Motorradfahrer demonstrieren immer wieder mit viel Wumms - auch in München. Wer sind die? Und worum geht's? Ein AZ-Gespräch über Poser, Kaffeefahrer, rutschiges Bitumen und das Glück auf zwei Rädern.
Irene Kleber |
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Motorraddemo-Organisator Gabor Kovacs - hier mit einer BMW-Martin-Sonderanfertigung des Kriseninterventionsteams Blue Peers in der neuen "Motorworld" in Freimann.
Motorraddemo-Organisator Gabor Kovacs - hier mit einer BMW-Martin-Sonderanfertigung des Kriseninterventionsteams Blue Peers in der neuen "Motorworld" in Freimann. © iko

München - Die Aufregung war groß letzten Sommer, als die Bundesländer einen neuen Lärm-Grenzwert für laute Motorräder einführen wollten. Und an Lieblingsbikerstrecken Tempolimits und Fahrverbote an Sonn- und Feiertagen, wegen genervter Anwohner.

Allein am Mittleren Ring in München sind daraufhin rund 23.000 Motorradfahrer mit viel Gebrumm aufgefahren, zu einem Korso rund um die Stadt, es war die größte Bikerdemo Europas.

AZ-Interview mit Gabor Kovacs: Der Münchner (57) ist Chef der gemeinnützigen Motorradfreunde-Organisation Blue Peers. Die kümmert sich um Unfallopfer, bietet Fahrtrainings - und organisiert Motorraddemos zum Thema Unfallprävention.
AZ-Interview mit Gabor Kovacs: Der Münchner (57) ist Chef der gemeinnützigen Motorradfreunde-Organisation Blue Peers. Die kümmert sich um Unfallopfer, bietet Fahrtrainings - und organisiert Motorraddemos zum Thema Unfallprävention. © Daniel von Loeper

Nun will Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) keine dieser Einschränkungsideen anpacken, das Thema ist vom Tisch. Die Demos in der Republik reißen dennoch nicht ab. Am 1. August ist die nächste in München geplant. Warum? Und wer sind die Biker-Demonstranten eigentlich? Die AZ hat Gabor Kovacs gefragt. Er hat die Megademo letzten Sommer organisiert - und erst kürzlich eine am Kesselberg, dem Lieblingskurvenberg der Münchner Biker auf dem Weg zum Walchensee.

AZ: Herr Kovacs, ein Sonntags-Fahrverbot für Biker scheint nicht zu kommen. Warum demonstrieren Sie immer noch?
GABOR KOVACS: Ein Sonntagsfahrverbot nur für Biker kann gar nicht kommen. Nie.

Ach, wie das?
Der Staat kann nicht Motorradfahrer mit einer Begründung wie Lärmschutz vom Verkehr aussperren, ohne mit derselben Begründung auch alle anderen Fahrzeuge - wie Autos - auszusperren. Das kann jeder Verfassungsrechtler erklären. Da geht's um Gleichbehandlung, da machen sich Motorradfahrer ganz umsonst Sorgen.

Mega-Korso am Mittleren Ring in München: Letzten Sommer fahren da 23.000 Motorradfahrer zur Demo auf, um gegen Streckensperrungen für Biker und Fahrverbote zu demonstrieren.
Mega-Korso am Mittleren Ring in München: Letzten Sommer fahren da 23.000 Motorradfahrer zur Demo auf, um gegen Streckensperrungen für Biker und Fahrverbote zu demonstrieren. © picture alliance/dpa

Heißt, da sind Tausende für ein Thema auf der Straße, das gar keines ist?
Stimmt, viele missverstehen es zumindest ein bisschen. Wenn wir zur Demo aufrufen, sind wir nicht gegen Sonntagsfahrverbote unterwegs, sondern gegen einzelne Streckensperrungen und vor allem für mehr Unfallprävention. Es verunglücken einfach zu viele Motorradfahrer unverschuldet.

Bitumen als Straßenausbesserung - gefährlich für Motorradfahrer.
Bitumen als Straßenausbesserung - gefährlich für Motorradfahrer. © ho

Wie ließe sich das verhindern?
Nehmen wir ein Straßenstück bei Landsberg. Da ist letzte Woche eine Motorradfahrerin bei 40 km/h auf gerader Strecke gestürzt. Weil die Gemeinde die Landstraße mit weichem Bitumen ausgebessert hat. Wenn es da draufregnet oder wenn es sehr heiß ist, rutscht ein Motorrad weg, zig bayerische Landstraßen sind voll von solchen Stellen. Ein Irrsinn.

"Die meisten neuen Biker sind Frauen zwischen 40 und 50"

Viele Unfälle passieren aber auch, weil Biker zu rasant unterwegs sind.
Das stimmt. 30 Prozent der Unfälle sind selbst verursacht, weil die Fahrer gemessen an ihrem Können zu schnell fahren, oder weil sie egomanisch unterwegs sind.

Sie schimpfen die eigenen Leute?
Natürlich. Manche Biker gehören zu den größten Nötigern im Straßenverkehr. Die plädieren für Gleichberechtigung, wollen dann aber durch die Rettungsgasse fahren. Wenn ich schon im Stau an Autos vorbeifahre, dann bremse ich doch bitte nicht jedes Auto aus. Und Raser gibt es immer, aber die sind die Minderheit. Wir fordern Prävention auch hier.

Wie denn?
Nehmen wir die Kurvenstrecke am Oberjoch, dort sind zig Münchner Biker unterwegs. Da steht die Polizei versteckt auf der Aussichtsplattform, um die schwarzen Schafe rauszuziehen. Wir möchten, dass sie sich sichtbar hinstellen. Mit einem Infostand, an dem sie über Gefahren informieren. Dann wäre es sofort vorbei mit der Raserei.

Die Kurven am Kesselberg sind seit 40 Jahren am Wochenende für Biker gesperrt. Dagegen stemmt sich diese Bikerdemo im April, zu der die Blue Peers aufgerufen haben.
Die Kurven am Kesselberg sind seit 40 Jahren am Wochenende für Biker gesperrt. Dagegen stemmt sich diese Bikerdemo im April, zu der die Blue Peers aufgerufen haben. © picture alliance/dpa

Alles redet vom Klima, vom CO2- und Spritsparen. Ist Motorradfahren rein für den Fahrspaß nicht eigentlich aus der Zeit gefallen?
Kein Stück. Motorradfahren ist und bleibt Kult. Die Zahl der Biker steigt, auch in München. Die meisten Neulinge sind übrigens Frauen zwischen 40 und 50 Jahren. Wenn die Kinder aus dem Haus sind und der Mann weg, machen die jetzt Motorradführerschein und genießen die neue Freiheit.

Kommen wir zum Lärm. Seit 2016 dürfen neu angemeldete Bikes nur noch 77 Dezibel haben, das ist viel leiser als ein Rasenmäher. In München sind 68.000 Motorräder angemeldet. Wie viele sind lauter?
Zwei Prozent, maximal. Das sind oft ältere Modelle, die haben Bestandsschutz. Oft sind es Chopper, ein paar alte Harleyfahrer, oder Leute, die ihre Dezibel-Killer ausgebaut haben, weil sie den Sound cool finden.

Wieso macht man das?
Die Lauten wollen nicht nerven, der Sound ihrer Maschine ist Musik für die. Das gibt es bei Autofahrern auch. Hören Sie sich mal das Werbevideo für den Porsche Cayenne Turbo GT an. Die Werbung läuft nur über den Motorsound.

Welcher Typ Biker oder Bikerin überwiegt in München?
Die große Mehrheit sind gemütliche Tourenfahrer, ich würde sagen, zu 60 Prozent. Die lärmen nicht in der Stadt herum, sondern fahren immer mal wieder für drei Tage raus auf eine schöne 1.000-Kilometer-Tour. Dann haben wir 20 Prozent sportliche Fahrer.

Das sind die, die eher gefährlich unterwegs sind?
Einige, ja. Die bringen dann alle anderen in Verruf, die sich benehmen. Harmlos und oft schön anzuschauen sind die Kaffeefahrer, das sind fünf bis sieben Prozent, die sieht man nur bei schönem Wetter mal ein paar Meter zum Kaffeetrinken fahren, gern mit einem Chopper-Motorrad.

"Die Lauten wollen nicht nerven, der Sound ist Musik für die"

Und wie viele gibt's, die nur als sogenannte Poser unterwegs sind?
Unter zehn Prozent, die sind halt stolz auf ihre Maschine und überhaupt nur auf der Straße, damit jemand stehenbleibt und sie bewundert. Lassen wir ihnen doch die Freud.

Im April haben Sie 400 Motorradfahrer zur Demo am Kesselberg gerufen. Worum geht es da?
Es gibt für die Münchner Motorradfahrer einige Lieblingskurvenstrecken Richtung Berge. Neben dem Oberjoch sind das der Riedbergpass, das Sudelfeld und eben auch der Kesselberg zwischen Kochel- und Walchensee, eine wunderschöne Kurvenstrecke, acht Kilometer lang. Die hat die Gemeinde Bad Tölz seit 40 Jahren am Wochenende für Motorradfahrer gesperrt. Angeblich zum Unfallschutz für Biker. Dabei geht es in Wahrheit um Lärmvermeidung. Mit der Folge, dass die Unfälle jetzt werktags nach 19 Uhr passieren, weil die Polizei um 18 Uhr Feierabend macht.

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Was also wollen Sie?
Dass aufgemacht wird am Wochenende. Die Biker wollen da ja nicht rauf und runter fahren, um die Anwohner zu ärgern, sondern durchfahren auf dem Weg weiter in die Berge.

Wofür steht eigentlich der Name Ihrer Organisation, "Blue Peers"?
Blau steht für Bayern, Peers sind Helfer. Wir sind nur in Bayern organisiert, erreichen aber mehr Motorradfahrer als gesamtdeutsche Gruppen wie der Bund Deutscher Motorradfahrer, die Biker-Union oder Biff. Ich sag immer, in Deutschland sind wir die CSU der Biker.

Aha. Ein Fazit noch?
Deutschland ist ein freies Land. Es dürfen auch Sportwagen herumfahren, die sind auch nicht leise und für die sperrt man auch keine Strecken. Wenn alle Verkehrsteilnehmer mehr aufeinander aufpassen, wenn Biker rücksichtsvoll fahren und Auto- und Lkw-Fahrer bewusst nicht nur auf Radler, sondern auch auf Motorräder achten, können wir alle glücklich leben auf den Straßen. Das ist mein Credo, jeden Tag.

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34 Kommentare
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  • Sarkast am 17.07.2021 18:07 Uhr / Bewertung:

    Mir sind die vermummten Michelin-Astronauten mit ihren aufgemotzten Mopeds
    von Yamaha, Suzuki, Kawasaki oder Harley ziemlich wurscht.
    Aber wenn sie abends vor meinem Wohnzimmerfenster an der roten Ampel stehen,
    laufend an ihrem Gasgriff herumspielen, damit diese Kiste auch ordentlich röhrt und wummert,
    dann gehen sie mir gehörig auf den Keks.
    Orgasmen kann man auch anders haben...

  • schaupets am 17.07.2021 15:18 Uhr / Bewertung:

    Wie Hr.Kovacs selbst sagt: 20% sind Rennfahrer und der Sound der Maschine ist Musik.
    Aber nur für die. Für die Anwohner ist es der reine Terror. Selbst oben auf dem Berg hört man jedes Maschine im Tal durchfräsen. Die Ruhe von Anwohnern ist ein höheres Recht als der Fun von Biker.
    Warum wird alles auf die "Grünen" geschoben? Die Anwohner sind auch CSU.
    Die Motorradfahrer glorifizieren ihren lauten, stinkenden Egoismus auf Kosten der Allgemeinheit
    und schieben Reglementierungen den Grünen in die Schuhe. Wenn die Biker sich an Regeln halten würden, bräuchte es keine Verbote.
    Warum lässt sich die CSU diesen Vergleich gefallen? Ist sie genauso egoistisch (für die Reichen)
    und aus der Zeit gefallen?
    Dass es auch laute Sportwagen gibt ist keine Entschuldigung, sondern wie im Kindergarten ("der aber auch").
    Bis die Bikes so leise sind wie E-Bikes sollten die "Biker" zumindest verbal leise sein.
    Oder Selbsterkenntnis betreiben: ob die eigene Fahrweise nicht tatsächlich das Problem ist!

  • Inge K. am 18.07.2021 02:19 Uhr / Bewertung:
    Antwort auf Kommentar von schaupets

    Negative Aufmerksamkeit ist zumindest mal Aufmerksamkeit.
    So sehe ich das, denn den Lärm und den Gestank findet ja sonst niemand gut. Man könnte das noch tolerieren, aber die Umwelt aus reinem egoistichen Vergnügen zu verpesten, ist eigentlich kein Menschenrecht, nur weil es nicht ausdrücklich verboten ist.
    Diejenigen, die sich nicht anständig benehmen können, sind dann aber auch immer die ersten, die sich mit Händen und Füssen gegen Verbote wehren, obwohl sie selbst Schuld daran sind, dass man über Verbote nachdenken muß. Wegen der Vernünftigen bräuchte es keine, die wissen von selbst, was sie ihrerUmwelt zumuten können.

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