Wenn der Meister blasse Sänger auf Händen trägt
Orchestrales Wunder mit vokalen Mängeln: Christian Thielemanns Bayreuther „Ring“-CDs
Das tiefe Es des Weltursprungs am Anfang von „Rheingold“ ist ohne nebliges Schwummern da, viel direkter, als in den hinteren Reihen des Bayreuther Festspielhauses. Dessen leichten Nachhall bildet diese Aufnahme perfekt ab. Wenn in den mittleren Registern die Bläser und Streicher mit den Wassermotiven einsetzen und der Dirigent das Tempo unmerklich anzieht, betört der warme und durchsichtige Klang des Festspielorchesters.
Orchestral ist dieser in drei Sommern gereifte und in der Saison 2008 mitgeschnittene „Ring“ ein Genuss. Christian Thielemann trägt die Sänger auf Händen und sorgt für weiche Tempoübergänge. Vor „Der Augen leuchtendes Paar“ geht er dabei spontan ganz auf Risiko, was der Aufnahme eine hohe Lebendigkeit verleiht. Live ist eben live.
Thielemanns Wagner-Wunder beschränkt sich nicht allein auf die bewährten Kapellmeister-Tugenden. Von der alten Schule unterscheidet ihn die Ausgewogenheit aus Trennschärfe und Mischklang. Das „Waldweben“ schimmert impressionistisch aufgehellt. Die grimmige Weltuntergangsdüsternis in der „Götterdämmerung“ kostet niemand so genüsslich aus wie der derzeit beste Sachwalter der Partituren des Bayreuther Meisters. Schwächen wie die nicht gleichermaßen durchhörbaren drei Klangebenen beim „Einzug der Götter in Walhall“ sind die Ausnahme.
Essigsaure Töne
Es könnte der „Ring“ des digitalen Zeitalters sein, wenn die Opern-Tetralogie eine Symphonie wäre. Schon der erste Einsatz der textunverständlich und wabernd singenden Rheintöchter trübt den Genuss. Der recht hellstimmige, mit Akzent singende Alberich von englischem Andrew Shore ist auf der Bühne erträglich, auf einer Platte nicht. Trotz des Mangels an Heldentenören gäbe es eine bessere Besetzung für den Siegmund als den knödelnden Endrik Wottrich. Die essigsauren Töne von Linda Watsons Brünnhilde schmerzen brennend im Ohr.
Es gibt auch Lichtblicke: Albert Dohmen hat gute Momente in Wotans Abschied und der Erzählung im zweiten „Walküren“-Akt. Leider ist seine dumpf-gaumige Stimme fürs leichtere Parlando im „Rheingold“ weniger geeignet. An Glanzzeiten des Wagner-Gesangs erinnert Hans-Peter Königs grundböser Hagen. Leider lassen sich die Sänger von Joseph Keilberths wiederentdecktem Bayreuther Stereo-„Ring“ (Testament) nicht auf Thielemanns Orchesterglanz kopieren. Da hilft nur: beide kaufen.
Robert Braunmüller
Thielemanns „Ring“ auf 14 CDs bei BF Medien/Opus Arte