Interview

Bach-Chor: Johanna Soller über das Weihnachtsoratorium

Die neue Leiterin des Bach-Chors über Vorsingen, die Legende Karl Richter und wie man noch heute das Weihnachtsmysterium für alle nahbar macht
von  Adrian Prechtel
Die Dirigentin und Chorleiterin Johanna Soller.
Die Dirigentin und Chorleiterin Johanna Soller. © Simon Pauly

Am dritten Advent singt der Münchener Bach-Chor das "Weihnachtsoratorium" in der Isarphilharmonie. Es ist die erste Aufführung unter der neuen Leiterin Johanna Soller, die 1989 in Burghausen geboren wurde. Sie studierte Kirchenmusik, Historische Aufführungspraxis, Orgel und Cembalo in München. Soller ist seit dieser Saison Leiterin des Münchener Bach-Chors und des Bach-Orchesters.

AZ: Frau Soller, ich habe gehört, Sie kennen schon alle Namen der rund 80 Sänger und Sängerinnen Ihres Chors. Was ist das Geheimnis Ihrer Mnemotechnik?

JOHANNA SOLLER: Ich habe keines. Aber ich habe alle meine Chormitglieder vorsingen lassen und mir dabei ihre Namen gemerkt.

Das wiederum klingt streng.

Nein, das ist gar nichts Besonderes. Dass jedes Mitglied alle zwei Jahre einzeln vorsingt, ist beim Münchener Bach-Chor ohnehin üblich. Ich konnte also Namen, Stimmbesonderheiten und Gesicht miteinander kombinieren. Diesen respektvollen Zugang bin ich den Chorsängerinnen und Sängern ja auch schuldig.

Aber Sie haben auch die Aufstellung gleich mit verändert, umgruppiert.

Ich habe auch bei manchen Sängern gemerkt, dass sie natürlicherweise in eine andere Stimmlage gehören. Und was die Position im Chor anbelangt: Ich versuche, einen homogenen Klang zu erzeugen. Zum Beispiel im vierstimmig gesetzten Weihnachtsoratorium hat man trotzdem auch Sopran 1 und Sopran 2 als Gruppen und die muss man von den Klangfarben und der Stimmhöhe der Sängerinnen gut mischen, damit sich keine unterschiedlichen Klanglager bilden. Und das gilt für alle Stimmgruppen.

In welchem Zustand haben Sie den Chor übernommen?

Als einen Chor, der unfassbar viele Möglichkeiten bietet, weil er alles kann. Das liegt an der hohen Motivation: Wer bereit ist, in der Woche zwei ganze Abende für den Münchener Bach-Chor zu opfern, der will Großes leisten und gibt einem als Leiter viele Möglichkeiten. Das ist ein großes Geschenk. Bei den meisten Laienchören ist das anders. Ich habe gleich als erstes neben Bach die "Carmina Burana" von Carl Orff mit dem Münchener Bach-Chor aufgeführt.

Ein weites Feld.

Aber auch Orff hat stark auf den Text komponiert und bezieht sich ja auch auf Alte Musik.

Wie weit reicht dann der Münchener Bach-Chor bei alledem an echte Profichöre heran?

Sehr nahe. Denn nur ein Rundfunkchor oder der Opernchor und der vom Gärtnerplatz kann werktags täglich als Arbeitszeit proben. Schon der Philharmonische Chor ist aus Laien und Profis gemischt. Und die anderen proben weniger als der Münchener Bach-Chor.

Wie sehen Sie den Konflikt zwischen Klangschönheit und Sprachverständlichkeit?

Ich bin kein Freund von überdeutlichen Konsonanten und Überprononcierung. Ideal ist der Fluss wie beim Sprechen. Die Musik der Barockzeit hat dieses Klangideal und wurde auf die Satzmelodie und Satzrhythmik und Betonungen komponiert, also ganz nah an der Sprache, was Schönheit, Natürlichkeit und Verständlichkeit in einem schafft. Das ist mit musikalischer Rhetorik gemeint. Dafür versuche ich, meine Sängerinnen und Sänger zu sensibilisieren. Und bei Brahms muss man den Klang eben auch anders angehen.

Die Gründerlegende Karl Richter hat ein berühmtes "Weihnachtsoratorium" eingespielt… unter anderen mit Christa Ludwig, Gundula Janowitz und Fritz Wunderlich…

Ja, diese Aufnahme war auch im Regal meiner Eltern. Das ist das "Weihnachtsoratorium", wie ich es aus Kindertagen kenne. Es ist immer noch großartig, aber natürlich ändert sich auch der Geschmack.

Inwiefern?

Es ist der absolute Vorrang des Klanges. Mir fehlt aus heutiger Sicht genau das, wovon ich gerade sprach: die musikalische Rhetorik, der Umgang mit dem Wort. Ich suche generell einen warmen, homogenen Klang, was auch mit dem so genannten Vokalausgleich zu tun hat: Das heißt, nicht jeder Vokal wird ganz rein ausgesprochen, sondern sanft verschliffen - so wie wir ja auch natürlich sprechen.

Wie wenn man "Hausnummer" sagt. Da gleicht sich ja auch das letzte "e" etwas einem "a" an…

Ja, so ungefähr. Und die Führung und Ausarbeitung von Stimmtechniken ist ein Großteil meiner Probenarbeit. Und A cappella zu singen ist dann eine Königsdisziplin, die wir gerade beim Weihnachtsliederabend erarbeitet haben.

Das haben Sie in einer kleinen Kirche in Aufkirchen am Starnberger See ausprobiert.

Und wir machen das jetzt am Mittwoch in St. Michael. Und dann sind wir mit dem "Weihnachtsoratorium" gemeinsam mit dem Münchener Bach-Orchester am Sonntag in der Isarphilharmonie. Da muss man sich auch akustisch drauf einstellen. In einer Kirche, die eine große Akustik zur Verfügung stellt, darf man sich nicht zurücklehnen und wegtragen lassen, sondern muss im Gegenteil eine große Kompaktheit behalten, damit sich alles klar bis in die letzte Reihe erhält, sonst gibt es eine zerfließende Streuung. Diese Gefahr haben gute Konzertsäle weniger, die Isarphilharmonie ist wunderbar auf die Bühne fokussiert, und umgekehrt braucht man die Fokussierung im Klangkörper, dass auch hier die letzte Reihe einen definierten und transparenten Klang bekommt.

Wie religiös, oder gar protestantisch, muss man Bachs "Weihnachtsoratorium" angehen?

Wir führen es ja in einem Konzertsaal auf, das Publikum ist konfessionell gemischt oder gar nicht mehr gebunden. Wir führen alle sechs Kantaten am Stück auf, so wie es Bach nie gehört hat, auch wenn er es selbst zu einem Werk zusammengefasst hat. Und so ist es mir wichtig - unabhängig vom rein Religiösen - die einzelnen großen Themenfelder und Gegensätze der einzelnen Kantaten rüberzubringen. Wie zum Beispiel die vierte Kantate, die schon am weitesten weg scheint von Weihnachten und den Umgang mit dem Tod thematisiert. Aber es gibt auch wunderbare weihnachtliche Gegensätze innerhalb der Kantaten - wie gleich in der ersten: Pauken und Trompeten, größte Majestät - und das kleine Kindlein in der Krippe. Am Ende singt der Chor: "Ach mein herzliebes Jesulein" und die Trompeten schmettern dazwischen und deuten in das kleine Kind eben schon die königlich-göttliche Majestät hinein. Die zweite Kantate blickt auf das rein Menschliche des Kindes in der Krippe, von Maria und den Hirten als Besucher. In der sechsten Kantate steht wiederum der Gegensatz Freund und Feind im Zentrum. Und alles führt einen dann doch als Ganzes und in großen Bögen weiter und tiefer hinein in das Weihnachtsmysterium, das dadurch sehr nahbar wird.

Isarphilharmonie, 17. Dezember, 19.30 Uhr, Gasteig HP8, Münchener Bach-Orchester und Bach-Chor, Kantaten I - VI, Restkarten ab 98 Euro bei muenchenticket.de

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