Unter Frauen gibt’s mal keine Krise
Vincenzo Bellinis „I Capuleti e i Montecchi“ mit dem Traumpaar Anna Netrebko und Elina Garanca
Fans der Russin streiten gern darüber, ob die Netrebko in lyrischen Puccini-Rollen besser aufgehoben sei als bei Bellini und Co. Wir ergreifen hiermit für den Belcanto Partei: Als Julia in „I Capuleti e i Montecchi“ erwärmt das hauchige Zittern ihres Soprans diese immer etwas kalte Musik zum Leben.
Nach Operetten-Schmonzetten und dem auf DVD festgehaltenen Auftritt in einer Repertoire-Vorstellung von Bellinis „Puritani“ an der New Yorker Met gönnte die Plattenfirma der Sopranistin endlich eine durch konzertante Aufführungen in Salzburg und Wien sorgfältig vorbereitete Gesamtaufnahme. Leider lässt Fabio Luisi mit den Wiener Symphonikern die Musik etwas zu rossinihaft abschnurren. Da glühte Ivor Bolton mit dem Mozarteum-Orchester 2004 im Großen Festspielhaus als Netrebko-Begleiter beträchtlich romantischer.
Wie damals ist Joseph Calleja ein beseelt heroischer Tebaldo ohne jedes Höhenproblem. Elina Garanca fehlt in der Hosenrolle des Romeo die androgyne Ausstrahlung, weil ihr die brustigen Töne von Marilyn Horne oder Vesselina Kasarova nicht zur Verfügung stehen. Leider mischt sich ihre Stimme auch nicht zur ultimativen Bellini-Terzen-Süße mit der Netrebko. Aber beides lässt sich leicht verschmerzen: Ohne jeden Registerbruch verströmt die Lettin eine vokale Reinheit, die ihresgleichen sucht.
Das neue weibliche Traumpaar erschöpft sich nicht in purem Schöngesang, der ältere Aufnahmen mit romantischem Belcanto etwas langweilig macht. Wenn nicht gerade „Norma“ zu besetzten ist, braucht man sich um den Bellini-Gesang derzeit keine Sorgen zu machen. Wenigstens hier gibt’s keine Krise. Schön!
Robert Braunmüller
Vincenzo Bellini: „I Capuleti e i Montecchi“ (Deutsche Grammophon)
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