Weggewischt und weggeworfen: Was mit moderner Kunst schon so alles passierte.
Spätestens seit die Kunst den ordnenden Rahmen an der Wand verlassen hat, provoziert sie Missverständnisse, wer sie ist, was sie ist und warum sie ist. Alf Lechners Kunstverlust steht in einer teils tragischen, aber manchmal auch tragi-komischen Tradition des Nicht-Verstehens und somit Falsch-Behandelns. Oft steht dahinter Banausentum, manchmal ist die Kunst aber auch selbst schuld: Sie will mitten ins Leben, aber geschützt sein wie im Museum – das geht immer wieder mal schief. Hier die interessantesten Fälle:
Als die
Sammlung Brandhorst
im Mai frisch eröffnet war, stand plötzlich ein grauer Abfalleimer mitten im Raum. Viele Besucher hielten ihn für ein Kunstwerk. Doch der Eimer sollte nur die Wassertropfen auffangen, die von der Decke fielen – ein Baumangel. Witzig reagierte ein Museumswärter – auf die Frage, von wem das Werk sei, antwortete er: „Vom lieben Gott.“
Zwei spektakuläre Fälle unabsichtlicher Kunstvernichtung widerfuhren
Joseph Beuys.
Der schuf 1960 das Objekt „unbetitelt (Badewanne)“: eine Wanne, mit Heftplastern und Mullbinden beklebt. Sie war Teil einer Wanderausstellung, die 1973 im Leverkusener Museum Morsbroich lagerte. Dort feierte der SPD-Ortsverein am 3. November 1973 ein Fest, und die SPD-Frauen Hilde Müller und Marianne Klein entdeckten die verschmutzte Wanne. „Wir dachten, das alte Ding könnten wir schön sauber machen und benutzen, um darin unsere Gläser zu spülen. Deshalb haben wir die Wanne geschrubbt.“ Besitzer Lothar Schirmer erhielt Schadensersatz. Der Fall diente später sogar als Vorlage für Werbespots für Reinigungsmittel!
40000 Mark kostete das Land Nordrhein-Westfalen die Entsorgung von fünf Kilo Butter. Die hatte Joseph Beuys 1982 in der Düsseldorfer Kunstakademie als „Fettecke“ in fünf Meter Höhe an die Wand seines Ateliers geschmiert. Nach seinem Tod wurde sie 1986 von einer Reinigungskraft beseitigt. Beuys-Meisterschüler Johannes Stüttgen, dem die „Fettecke“ gewidmet war, klagte Schadensersatz ein, was als „Verschwendung von Steuergeldern“ angeprangert wurde.
Auch der Künstler
Michael Beutler
erfuhr, dass Kunst im öffentlichen Raum gerne missverstanden wird. Er hatte 2004 in Frankfurt zehn gelbe Plastikschalen als Skulpturen über die Stadt verteilt. Der Leiter der Stabsstelle „Sauberes Frankfurt“ ließ eine abtransportieren und verbrennen. Beutler nahm’s mit Humor: Seine Arbeiten habe er nicht für die Ewigkeit geplant. Zum Ausgleich entsorgte die Stelle dann nach Ausstellungsende auch die anderen Stücke.
Der aktuell höchstbezahlte Künstler der Welt,
Damian Hirst
, wurde 2001 von einer Putzkolonne verkannt: Sie warf seine Installation „Unaufgeräumtes Atelier“ weg. Bevor Millionenwerte futsch waren, zog man den Kunst-Müll aus dem richtigen.
In Kassel entfernte die Straßenreinigung zwei Tage vor der Eröffnung der „documenta“ 2007 weiße Straßenmarkierungen. Die argentinische Künstlerin
Lotty Rosenfeld
hatte aus den weißen Strichen Kreuze gemacht, um an die Opfer der Militär-Junta zu erinnern.
Witzigerweise fotografierten auf dieser „documenta“ Besucher einen roten Feuerlöscher an einer weißen Wand. Der war kein Kunstwerk, sondern wirklich nur ein Feuerlöscher.gr./lo/adp