Peter Sloterdijks erstes Libretto
Regelmäßige Premierenbesucher wunderten sich in der „Turandot” über einen Neuzugang: Peter Sloterdijk beehrte die Staatsoper. Schreibt der Turbophilosoph gar ein Buch über Musik? Nein, zu flach gegründelt: Er dichtet den Text für Jörg Widmanns Multikulti-Verteidigung „Babylon”, die am 27. Oktober im Nationaltheater uraufgeführt wird. Kent Nagano dirigiert, La Fura dels Baus sorgt wie bei Puccini für die bunt bewegten Bilder.
Am 15. Dezember folgt ein neuer „Rigoletto”, inszeniert von Arpád Schilling und gesungen von Patricia Petibon, Franco Vasallo und Joseph Calleja. Im Juni feiert die Staatsoper den 200. Geburtstag Giuseppe Verdis weiter mit einem neuen „Simon Boccanegra”. Den Dogen singt Zeljko Lucic, Bertrand de Billy dirigiert, Dmitri Tcherniakov führt Regie. Zur Eröffnung der Festspiele setzt die Staatsoper einen drauf: Jonas Kaufmann und Anja Harteros sind die Stars im neuen „Il trovatore”, den Olivier Py inszenieren und Paolo Carignani musikalisch leiten wird.
Im Dezember heißt es Abschied nehmen von „Hänsel und Gretel” in der Uralt-Inszenierung Herbert Lists. Im Frühling frischt Richard Jones sein zeitgemäß kindgerechtes Konzept aus der New Yorker Met von Humperdincks Märchenoper auf. Kent Naganos Sehnsucht, die alte Produktion zu dirigieren, bleibt ungestillt. Dafür bringt er Modest Mussorgskys neuen „Boris Godunow” in der Urfassung und der Regie von Calixto Bieito heraus. Naganos Ära endet mit der Premiere von George Benjamins moderner Oper „Written on Skin” im Prinzregententheater, die Kate Mitchell inszeniert.
Münchens Lieblingsprimadonna Edita Gruberova, die sich kürzlich mit Donnerhall von der Staatsoper verabschiedet hat, kümmert sich nicht mehr um ihr altes Gerede: 2015 singt sie ein Festspielkonzert und eine „Roberto Devereux”-Serie. Ehrendirigent Zubin Mehta leitet zu den Festspielen 2012 auf dem Max-Joseph-Platz Verdis „Requiem”.
Das zurückhaltende Presse-Echo auf die neue „Walküre” wurmt den Intendanten Nikolaus Bachler. Die Verleger sollen ihm endlich Kritiker schicken, die nicht mehr dem veralteten Konzepttheater der 1990er Jahre nachhängen und seine ästhetische Höhenluft atmen. Wir geben uns alle Mühe, lieber Herr Staatsintendant! Aber Andreas Kriegenburgs unbefleckte „Ring”-Empfängnis ist halt nur schwer von der Politur alter Oberflächen zu unterscheiden.