Sigurd-Bronger-Werkschau in der Pinakothek der Moderne: Wer will da nicht abheben?

Mit seinen fantastischen Trag-Objekten erkundet Sigurd Bronger die Welt und führt sie wie ein Ingenieur vor Augen. Die Neue Sammlung widmet dem Schmuckkünstler aus Norwegen nun eine Werkschau in der Pinakothek in München und lädt damit ins Abenteuerland.
von  Christa Sigg
Schöne Technik: Sigurd Brongers Halsschmuck "Turbine Necklace" aus verchromtem Messing, Silber und Aluminium, 2008, aus einer Privatsammlung.
Schöne Technik: Sigurd Brongers Halsschmuck "Turbine Necklace" aus verchromtem Messing, Silber und Aluminium, 2008, aus einer Privatsammlung. © Sigurd Bronger

Sigurd Bronger ist ein zurückhaltender Mann. Ruhig, bedächtig, wie man sich einen Norweger halt vorstellt. Mit großen Gesten und Sprüchen kommt man in seinem Metier ohnehin nicht weit. Es geht ja in einer Tour um Präzision, und gerade Bronger legt größten Wert auf handwerkliche Perfektion. Jeder Draht und jede noch so winzige Feder müssen sitzen, die Qualität der Ausführung sollte einen förmlich anfallen. Dann kann ein Ei zur Granate werden und ein simpler Radiergummi zum Trampolin für einen Sprung, sagen wir ruhig, ins Weltall.

 

Ganz oben in der Rotunde der Pinakothek der Moderne ist man dem Himmel auch schon ziemlich nah. Dieser Ort scheint für die Werkschau eines der bedeutendsten Schmuckkünstler geradezu ideal. Und Bronger weiß diesen von Petra Hölscher sinnfällig kuratierten Auftritt zu schätzen, zumal ganz unten in der Danner-Rotunde eine der wichtigsten Schmucksammlungen weltweit präsentiert ist ("davon können andere Museen nur träumen").

Pinakothek der Moderne in München widmet Sigurd Bronger eine eigene Werkschau

Doch entscheidend sei nicht die Bühne oder der Scheinwerfer, sondern eher das, was seine "Trag-Objekte" auslösen. Verwunderung zum Beispiel, dass da etwas sehr Banales in eine höchst aufwendige Halterung aus Goldstäben und Schrauben gezwängt ist. Die Nierensteine seiner Mutter hat Bronger auf diese Weise zur Brosche gereiht, ein Abflusssieb zum schwebenden Hingucker am Revers umfunktioniert oder eine Hotelseife zum duftenden Anhänger verkabelt. Vor sieben Jahren war dann auch der auf ein vergoldetes Messingrad gespannte Kameldung aus der Wüste Gobi ein augenzwinkernder Aufreger. Nun ja.

 

Die Verarbeitung nicht gerade edler, oft unkonventioneller Materialien und alltäglicher Gegenstände ist im Autorenschmuck freilich nichts Besonderes. Bernhard Schobinger hat Scheren, Scherben oder Flaschenhälse (1988) zur Kette aufgefädelt, punkiger geht es kaum. Genauso wird das Wertvolle unterlaufen oder demoliert: Karl Fritsch haut schon mal einen rostigen Nagel in einen Diamanten, während Otto Künzli bereits 1980 eine hochkarätige Goldkugel unter einer Gummihülle verschwinden ließ. "Gold macht blind" lautet der allessagende Titel des Armreifs - für Bronger das stärkste Schmuckstück überhaupt.

Für diese Brosche mit Nautilus-Schale erhielt Sigurd Bronger 2016 den Bayerischen Staatspreis für hervorragende gestalterische und technische Leistungen im Handwerk.
Für diese Brosche mit Nautilus-Schale erhielt Sigurd Bronger 2016 den Bayerischen Staatspreis für hervorragende gestalterische und technische Leistungen im Handwerk. © Sigurd Bronger

2013 zog er vor dem Schweizer Kollegen den Hut, indem er dessen schwarzen Gummireif zur Brosche umgedeutet hat. "Damit man Ottos Arbeit in ihrer ganzen Großartigkeit sieht", erklärt Bronger.

Diese Hommage zeigt übrigens sein Gestaltungsprinzip auf einfach Weise: keine genant versteckten Halterungen. Die Konstruktion gehört selbstredend dazu. Deshalb wirken viele Objekte aufs Erste wie die Modelle eines Architekten oder Ingenieurs. Sowieso wird ständig die Welt vermessen, mal davon abgesehen, dass wissenschaftliche Instrumente und Zirkel, vor allem aber Schraubzwingen und Scharniere dieses Œuvre bestimmen. So, als müsste sich einer absichern und versichern. Oder den Bauplan offenlegen.

Sigurd Brongers Tragevorrichtung für ein Abflusssieb von 1998. Sie stammt aus der Sammlung des Kode Museum for Art, Crafts, Design & Music in Bergen.
Sigurd Brongers Tragevorrichtung für ein Abflusssieb von 1998. Sie stammt aus der Sammlung des Kode Museum for Art, Crafts, Design & Music in Bergen. © Sigurd Bronger

 

Überdeutlich wird das durch einen weißen Topas, der wie vom Hebegreifer eines Krans in die Zange genommen am Hals baumeln darf, und gipfelt schließlich in einem hohlen Gänse-Ei. Das erinnert durch dünne Silberdrähte und feinste Eisenfedern an einen vertäuten Heißluftballon, dient aber als Ring (1997). Im Geiste fährt man frei nach Jules Verne um die Welt, vielleicht nicht in 80 Tagen, doch für den Moment der intensiven Betrachtung.

Sigurd Bronger kurbelt in der Pinakothek der Moderne das Kopfkino an

Und auch das kommt nicht von Ungefähr. Denn Bronger war nach seinen klassischen Goldschmiede-Ausbildungen an Fachschulen in Oslo und im holländischen Schoonhoven in den späten 1970er Jahren auf der Suche. Beim Klassenausflug ins Kröller-Müller Museum bei Otterlo entdeckte er die Werke Henri Van Herwegens alias Panamarenkos, die ihn nicht mehr loslassen sollten.

Warum nicht ein Heißluftballon für den Finger? Über dem Ring schwebt ein Gänseei. Verarbeitet hat Sigurd Bronger außerdem Stahl, Gummi und Silber – im Jahr 1997. Und ja, die passenden Handschuhe zu finden, dürfte schwierig werden.
Warum nicht ein Heißluftballon für den Finger? Über dem Ring schwebt ein Gänseei. Verarbeitet hat Sigurd Bronger außerdem Stahl, Gummi und Silber – im Jahr 1997. Und ja, die passenden Handschuhe zu finden, dürfte schwierig werden. © Sigurd Bronger

Der Künstler, Physiker und Ingenieur entwarf sagenhafte Flugmaschinen, die oft nur für ein paar Minuten funktionierten. Alles durfte für diesen 2019 verstorbenen belgischen Leonardo Kunst sein, und seine verrückten Luftschiffe, Ufos und Fusionen aus 007-Mobilen und Fliewatüüts hatten manchmal etwas herrlich Murksiges, Seifenkistlmäßiges. Das allerdings beflügelte die Fantasie.

Auch Bronger kurbelt mit jedem mehr oder weniger skurrilen Objekt das Kopfkino an. Da fehlt nur noch ein Propeller, ästhetisch bis zum Gehtnichtmehr war er für Marcel Duchamp so etwas wie die Fortführung oder Überwindung der alten Kunst. Also gibt es kleine Turbinen als Anhänger, und über die minutiös geschnittenen Blättchen würde jeder Kraftwerksingenieur Freudentränen vergießen..

Sigurd Brongers Halsschmuck "Camay" von 2005 ist ein mit der Zeit immer weniger duftender Hingucker. Verarbeitet ist eine Seife in Hotelgröße.
Sigurd Brongers Halsschmuck "Camay" von 2005 ist ein mit der Zeit immer weniger duftender Hingucker. Verarbeitet ist eine Seife in Hotelgröße. © Die Neue Sammlung - The Design Museum

Wobei Bronger sich gleichermaßen von der Natur betören lässt. "Sie liefert alles in Vollkommenheit", sagt er, und sei nicht zu überbieten. Das kann ein Pinienzapfen sein, der von Golddraht umschlungen ist, oder ein stinknormales Hühnerei, das in der güldenen Halterung Kostbarkeit entwickelt.

Sigurd Bronger geht den Dingen ans Eingemachte

Dass der Ring mit Ei-Aufbau Mühe macht, ist nicht zu übersehen. Man sollte schon vorsichtig sein, meint Bronger. Aber das sei nicht sein Problem, und zur Not könne er ein zerbrochenes Ei austauschen. Mit den Nautilusschalen, die er im Antiquitätenhandel erwirbt, dürfte das komplizierter werden. Auf der anderen Seite muss man nicht alles tragen, und es gibt ja auch die robusten Schuhsohlen-Broschen, die Wasserkapseln und die mit Goldkügelchen gefüllten Gläser samt vorgebauter Vergrößerungslinse

Ein Entenei ist hier von einer Schraubzwinge aus Gusseisen in Positur gebracht. Entstanden ist die Arbeit 2015. Das Arts and Crafts Museum im chinesischen Hangzhou hat sie in seiner Sammlung.
Ein Entenei ist hier von einer Schraubzwinge aus Gusseisen in Positur gebracht. Entstanden ist die Arbeit 2015. Das Arts and Crafts Museum im chinesischen Hangzhou hat sie in seiner Sammlung. © Sigurd Bronger

 

Bedeutung ist eine Frage des Maßstabs, und jeder darf sich seinen eigenen Reim drauf machen. Der kluge Künstler wertet nicht. Zumal Bronger den Dingen ja "nur" ans Eingemachte geht und in die Tiefen vordringt – bis zum Herzschrittmacher der verschiedenen Mutter einer Sammlerin. Vor dessen Bearbeitung hat es ihm selbst gegraust, gibt er zu. Jetzt sind die Batterien wieder geladen, wenn man die Apparatur berührt, beginnt sie zu leuchten. Bling-bling.

Da ist der Forscher, der seine natürliche Neugier in Kunst transformiert. Dazu braucht es weder die KI noch einen Computer. Eindrucksvoller kann man das gute alte Handwerk kaum vor Augen führen.


"Sigurd Bronger. Trag-Objekte", 2. März bis 2. Juni 2024, Pinakothek der Moderne, Di bis So 10 bis 18, Do bis 20 Uhr, Katalog (Arnoldsche, 248 Seiten, 38 Euro)

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