"The Florida Project" - Jesus und zu viel Bier

Sean Bakers Film "The Florida Project" mit Willem Dafoe zeigt Schattenseiten des amerikanischen Traums. Die AZ-Filmkritik.
von  Martin Schwickert
Willem Dafoe als Managerdes Billigmotels, in dem Moonee und ihre Mutter Halley leben. Für seine menschliche Rolle war Dafoe für einen Oscar nominiert.
Willem Dafoe als Managerdes Billigmotels, in dem Moonee und ihre Mutter Halley leben. Für seine menschliche Rolle war Dafoe für einen Oscar nominiert. © Prokino

"The Magic Castle" nennt sich verheißungsvoll das dreistöckige Hotel. In schönstem Prinzessinnen-Pink steht es am Rande des Highways, der geradewegs nach Disney-Land führt.

Aber die Wirtschaftskrise ist auch an der Vergnügungsparkindustrie nicht spurlos vorüber gegangen. Der Besucherstrom ins Märchenland hat nachgelassen und ins "Magic Castle" kommen kaum noch Touristen.

Stattdessen wohnen in dem Billighotel Leute, die am Rande der Obdachlosigkeit stehen, die Miete ihrer Wohnung oder die Raten fürs Haus nicht mehr bezahlen können und nun Tag für Tag die 38 Dollar fürs Hotel zusammenkratzen. "Der Mann, der hier lebt, wird oft verhaftet" weist die sechsjährige Moonee (Brooklynn Prince) ihre neue Freundin ein, während sie die Laubengänge des Hotels entlang streifen. "Die Frau hier drin denkt, dass sie mit Jesus verheiratet ist. Der hier hat eine Krankheit, die die Füße groß macht. Der hier trinkt viel Bier".

"The Florida Project": Low-Budget mit Laiendarstellern

Dennoch ist für Moonee das "Magic Castle" tatsächlich ein verzauberter Ort und die Umgebung der abgehalfterten Vergnügungspark-Peripherie ein riesiger Abenteuerspielplatz. Das Mädchen lebt mit seiner Mutter in Zimmer 323.

Halley (Bria Vinaite) ist Anfang 20, umfangreich tätowiert, ohne Arbeit und verhält sich gegenüber der Tochter eher wie eine große Schwester. Sicherlich keine Helikopter-Mutter, aber eine, die viel Zeit für ihr Kind hat, Verantwortung übernimmt, auch wenn sie Moona und ihrem Freund Scooty (Christopher Rivera) so einiges durchgehen lässt. Die Sommerferien mit all ihren abenteuerlichen Verheißungen liegen vor den Kindern, für die es ganz normal ist, am Wagen eines Wohlfahrtsverbandes für Brot und Gebäck anzustehen, den Touristen mit Rehaugen ein Eis aus dem Kreuz zu leiern oder mit der Mutter vor einem besseren Hotel Markenparfüm zu verkaufen.

Willem Dafoe als Managerdes Billigmotels, in dem Moonee und ihre Mutter Halley leben. Für seine menschliche Rolle war Dafoe für einen Oscar nominiert.
Willem Dafoe als Managerdes Billigmotels, in dem Moonee und ihre Mutter Halley leben. Für seine menschliche Rolle war Dafoe für einen Oscar nominiert. © Prokino

Kompromisslos zeigt Sean Baker in "Florida Project" das Leben am Rande der Armutsgrenze aus der Kinderperspektive. Sein Blick ist von großartigem Einfühlungsvermögen geprägt und verzichtet auf alle paternalistischen Mitleidsbekundungen.

Die zum Großteil mit Laiendarstellern gedrehte Low-Budget-Produktion zeichnet durch eine hohe soziale Wahrhaftigkeit aus, die nie in Armutspornografie abgleitet. Im Gegenteil gelingt es Baker durch den Kontrast zwischen den sozialen Verhältnissen und den quietschbunten Disney-World-Kulissen die Magie einzufangen, mit der die Kinder in die Welt blicken, ohne die Härte der Lebensumstände zu kaschieren.


Kino: Museum Lichtspiele, Neues Arena, Cinema, Leopold Kinos, Breitwand Gauting. R: Sean Baker (USA, 111 Min.)

Zum Filmstart verlosen wir 5 x 2 Freikarten. Wer gewinnen will, schreibt bis einschließlich Freitag eine E-Mail an: kultur@abendzeitung.de, Stichwort: "Florida Project"

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