Fremde in einem hässlichen Land

Eigenwillig, böse, verzaubert, sehenswert: „Finsterworld“ von Frauke Finsterwalder
Michael Stadler |
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Deutschland ist ein hässliches Land, da sind sich das Ehepaar und ein Mitschüler ihres Sohnes einig. Dabei fahren sie in einer schallgedämpften Geländelimousine auf einer Straße entlang beschaulicher Felder, die Sonne bestrahlt die Idylle. Ein Widerspruch?

Nein. Denn nicht nur sprechen die Reisenden über die Betonburgen von Stuttgart oder Berlin, sondern es geht in „Finsterworld“ auch eher um die Hässlichkeit in den Herzen der Deutschen, ihre Kleinlichkeit, ihre Angst. Irgendwie umhüllt sind alle, von Schuluniformen bis zu flauschigen Tierkostümen. Man will sich schützen und ist doch ungeschützt den anderen ausgeliefert. Sozialer Umgang ist die Hölle in Frauke Finsterwalders erstem Film, und sie findet zu einem ganz eigenen, bösen, verzauberten Ton.

Ein Fußpfleger ist der unwahrscheinliche Held einer der fünf ineinander verzahnten Episoden, und er trägt mit seiner Maschine sanft die Hornhaut vom Fuß einer Altersheiminsassin ab. Was sonst ekelt, wird in diesem Film schön inszeniert.

Der Fußpfleger und die Seniorin, da wächst eine Zuneigung heran, aber die Kekse, die er ihr schenkt, haben es in sich. Eine Dokumentarfilm-Regisseurin (Sandra Hüller) möchte das wahre Leben filmen, ein arrogantes, selbstbezogenes Projekt, denn das Leben lässt sich nicht in Bildern fassen. Vielleicht eher als Comic. Ein Mädchen (Carla Juri aus „Feuchtgebiete“) schmökert bei einer Klassenfahrt nach Auschwitz in dem US-Comic-Klassiker „Ghost World“.

Vielleicht muss man sich „Finsterworld“ also als bösen Comic denken, den Finsterwalder und ihr Lebenspartner, der Schriftsteller Christian Kracht („Imperium“) in Drehbuchform entworfen haben, um daraus einen Kinofilm zu machen. Kameramann Markus Förderer komponiert wunderbare Einstellungen, und nach unnötig krassen Höhepunkten verblättern sich die Geschichten am Ende zusammen mit einem Heftchen im Wind. Cat Stevens singt „I listen to the wind, to the wind of my soul“, derweil jede Figur zu einem neuen Ort getragen wird, dahin, wo vielleicht eine Chance auf Glück besteht oder immerhin auf eine Umarmung.

Kino: ABC, City, Neues Arena, Eldorado, Studio Isabella; R: Finsterwalder (D, 95 min.)

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