"Jenufa" an der Bayerischen Staatsoper: Ein Skandal - in jenen Tagen

Barbara Frey modernisiert Leos Janáceks "Jenufa“ für die Bayerische Staatsoper – die musikalische Umsetzung allerdings ist weitaus überzeugender
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Barbara Frey modernisiert Leos Janáceks "Jenufa“ für die Bayerische Staatsoper – die musikalische Umsetzung allerdings ist weitaus überzeugender

Sie sollte im Mittelpunkt stehen: die Küsterin, die das uneheliche Kind ihrer Ziehtochter ertränkt, um sie vor der Schande zu bewahren. Doch in Barbara Freys Neuinszenierung von Janaceks „Jenufa“ für die Bayerische Staatsoper tut sich Deborah Polaski schwer, die ihr vom Komponisten zugedachte Rolle angemessen auszufüllen.

Wir erleben keine verbitterte alte Dame oder gar eine verletzbare, ängstliche Frau und Mutter. Im Gegenteil - diese verkniffen resolute Respektsperson wirkt bei ihrem Entschluss, Jenufa aus der Klemme zu helfen, eher beiläufig, auf jeden Fall aber cool und gefasst.

Stimmlich meistert Deborah Polaski die schwierige Pertie bewunderungswürdig. Aber weil es der Regisseurin nicht gelingt, dieser bemerkenswerten Sängerin jenes Maß an Bühnenpräsenz abzuverlangen, das angemessen gewesen wäre, muss man sich einiges dazu denken.

Zusätzlichen Ballast hat sich Barbara Frey damit aufgehalst, dass sie glaubt, das Geschehen in die heutige Zeit verlegen zu müssen. Dass ein uneheliches Kind einen Skandal auslöst, der einen Mord unumgänglich erscheinen lässt, ist in karg-moderner Umgebung von Windrädern und TV-Geräten (Bühne: Bettina Meyer) allerdings kaum nachzuvollziehen.

Schließlich geht es ja auch darum, wie man eine in den Gefühlen erstarrte Gesellschaft durch bizarre Moralbegriffe zusammen hält. Die Regie deutet das allenfalls an.

Die auf der Bühne gezeigte Dorfgemeinschaft ist nicht wirklich aggressiv, eher teilnahmslos (Chöre: Andrés Máspero). In den folkloristischen Momenten findet sie zu tänzerischer Gemeinsamkeit (Choreographie: Zenta Haerter). Im übrigen aber überlässt sie die Lösung der Probleme den Hauptakteuren – und der Musik. Was vor allem jene auf ihre Kosten kommen lässt, denen allzu viel Aktionismus ohnehin ein Gräuel ist.

Kirill Petrenko dirigiert mit Hingabe

Dem Dirigenten Kirill Petrenko ist daran gelegen, die Partitur ohne theatralische Kraftakte zum Klingen zu bringen. Immer wieder signalisiert er dem mit virtuoser Hingabe musizierenden Staatsorchester, sich zurückzuhalten.

Manches wünscht man sich schärfer und trockener akzentuiert, etwa das beständig als Zeichen der Unruhe wiederkehrende pochende Xylophon-Motiv, das sich wie ein roter Faden durch die Handlung zieht.

Insgesamt jedoch wird Petrenko auf eindrucksvolle Weise den vielfältigen Differenzierungen der Musik gerecht. Ein Dirigent der Extraklasse. Von den Wiener Philharmonikern wird der 37jährige aus Omsk, wie man hört, mächtig hofiert. Die Bayerische Staatsoper hat, zumindest in der nächsten Saison, keine Aufgaben für ihn.

Eva-Maria Westbroek singt, wie schon vor zwei Jahren in Calixto Bieitos Stuttgarter Inszenierung, die Titelpartie mit überzeugendem Ausdruck: verletzlich und selbstbewusst, eine Frau, die leidet, aber dabei reift und verzeiht. Rührend Helga Dernesch als alte Buryia. Hervorragend beide Tenöre: Joseph Kaiser als tapsiger Macho Steva, Stefan Margita als zärtlich-zorniger Laca.

Musikalisch ist diese Produktion kaum zu toppen. Das Publikum kürt denn auch die Sänger und den Dirigenten als unangefochtene Sieger. Das Inszenierungs-Team muss sich mit dem zweiten Platz begnügen. Provozierende Buhs bleiben aus. Es hätte auch keinen Grund dafür gegeben.

"Jenufa" wieder am 15., 18., 22. und 27.4., Karten unter 2185 1820

Volker Boser

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