Eminem: Pause ohne Erholung
Eminem hat nach fünf Jahren Schweigen mit „Relapse“ ein neues Album veröffentlicht. Doch wer auf eine stilistische Weiterentwicklung gehofft hat, wird enttäuscht
Ein Rapper, der nicht gehasst wird, hat ein Problem. Jegliche Street Credibility verpufft urplötzlich, wenn Spießer und Schickimickis die vermeintliche Skandalmusik plötzlich gut finden. Auch Eminem hat dieses Problem, denn er ist längst im Mainstream angekommen.
Insofern ist es absolut konsequent, dass der 36-Jährige aus Detroit auf seinem ersten Album seit seinem „definitiven Abschied“ vor fünf Jahren fordert: „I guess it’s time for you to hate me again.“ „Relapse“ bietet auch reichlich Anlass dazu. Die Single-Auskopplung „We Made You“ beleidigt systematisch Fernsehberühmtheiten von Jessica Alba bis Jessica Simpson, die im Videoclip dazu ähnlich vorgeführt werden wie damals bei dem legendären „Without Me“. Im Dissen ist Eminem ein Profi – die ersten Gekränkten reagierten bereits sauertöpfisch.
Musikalisch aber hat sich Marshall Bruce Mathers III in seinen Jahren des Schweigens kein bisschen weiterentwickelt. Zwar ist „We Made You“ ein typischer, erstklassiger Eminem-Track, mit einem Chorus, der sich sofort im Gedächtnis festsetzt, und furiosem Maschinengewehr-Rap.
Ritt durch den Kakao
Aber der Rest des Albums ist ein wilder Ritt durch eine Selbstvorstellung als Serienkiller, Drogenvorwürfen gegenüber der Mutter, Missbrauchsvorwürfen gegenüber dem Stiefvater, Lästereien über Mariah Carey und Schwärmereien von lebensaufhellenden chemischen Substanzen. Eminem weiß, wie klischeeträchtig das alles ist, und zieht sich selbst mit einem Zwischenspiel durch den Kakao, in dem ein Plattenboss ihn für die Selbstmitleidigkeit des Albums zusammenstaucht. Musikalisch bewegt er sich ebenfalls in bewährten Bahnen.
„Hello“ klingt nach R’n’B, „Bagpipes From Baghdad“ greift auf orientalische Melodien zurück – das war es dann aber auch mit Experimenten. Gelungener ist ohnehin der Ausflug in die Vergangenheit mit seinem Produzenten Dr. Dre und „Old Time’s Sake“, das den Oldschool-HipHop-Beat zurückbringt. Wenig Überraschendes hat Eminem auf „Relapse“ versteckt – aber immerhin seine Stärken ausgiebig kultiviert.
Julia Bähr
Eminem: „Relapse“ (Interscope/Universal)
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