Die Musik beweist: Das Wüste lebt!
Das 40. Deutsche Jazzfestival Frankfurt widmet sich dem ewigen Thema Woodstock
Keine Matschorgien, keine süßliches Odeur verströmenden Rauchwolken, keine Peace-Zeichen, keine weiße Taube, keine Batik-Klamotten, keine Nackerten, keine freie Liebe, kein Chaos. Undauch an Nostalgie fehlte es, als das älteste regelmäßig abgehaltene Jazzfestival der Welt nun die vierzigste Ausgabe feierte.
Das Thema Woodstock (!) hatte man sich als Schwerpunkt für das Jubiläum zum Deutschen Jazzfestival Frankfurt ausgedacht – und manch besorgter Jazzfan äußerte im Vorfeld den Verdacht, dass die Veranstalter bei der Planung ihres Programms womöglich ein paar der verbotenen Substanzen eingeworfen hätten, wie sie damals auf dem Acker von Bethel im Bundesstaat New York massenhaft im Umlauf waren. Doch die Macher verwiesen darauf, dass es bei der Mutter aller Festivals auch um das im Jazz unverzichtbare Element der Improvisation gegangen wäre – von der Organisation bis hin zu manchem Musikact.
Nicht was, sondern wie
Guenter Hottmann, einer der vier Gestalter aus den Reihen des veranstaltenden Hessischen Rundfunks: „Ein Kernsatz im Jazz lautet: Nicht was, sondern wie du es spielst, ist entscheidend.“ Einer, der in Woodstock dabei war, gehörte zu den Stargästen in Frankfurt: Altsaxofonist David Sanborn stand vor 40 Jahren mit der Paul Butterfield Blues Band auf der Bühne. Im Hier und Jetzt aber machte er sich mit der hr Bigband über Material von Santana her. Sein schneidender Ton stand über den filigranen, entkitschten und geschickt montierten Arrangements von Michael Philip Mossman.
Das Jimi-Hendrix-Programm des World Saxophone Quartets und Aldo Romanos „Flower Power Trio“ (mit Nummern von Dylan bis Cocker) näherten sich dem Ursprungsmaterial hingegen eher auf der energetischen Ebene. Obwohl der Woodstock-Schwerpunkt den größten Applaus des Festivals einheimste, lagen Höhepunkte außerhalb der programmatischen Klammer. Da war etwa die frisch aufspielende Frankfurter Newcomer-Truppe „Karma Jazz Band“ oder der mal erdige, mal ätherische Dialog der beiden Tenoristen Dave Liebman und Ellery Eskelin, den der umwerfende Schlagzeuger Jim Black antrieb.
Ins Mittelalter, in die Welt der Burgen, Ritter und Lindwürmer entführte uns der Schweizer Komponist Kaspar Ewald, der sich seiner Thematik mit dem „Exorbitanten Kabinett“ und einer hochkomplexen wie humoristischen Mischung aus Big Band Jazz, Funk, Neuer Musik und Bläserchorälen näherte (am 15.11. in der Unterfahrt). Und Pianist Joachim Kühn brachte den Mahgreb nach Frankfurt, als er mit seinem Trio und der hr Bigband zeigte: das Wüste lebt!
Ssirus W. Pakzad