Die Beherrschung der Schönheit
Ja, die Akrobatik war das Höchste, was die Weltelite zu bieten hatte: Dreifach- Salti und -Schrauben, Balance-Akte und Körper, die in ihren Verbiegungen miteinander zu verschmelzen scheinen. Das alles ist selbstverständlich für den Cirque du Soleil, dessen neuestes Programm „Alegría”, zu Deutsch „Fröhlichkeit”, bis Sonntag in der Olympiahalle läuft. Ein Publikum, das bis zu 93 Euro pro Karte zahlt, erwartet schließlich Weltklasse-Artistik. Doch der Cirque du Soleil hätte kein circensisches Weltimperium aufbauen können, allein durch Zurschaustellung von Technik. Es ist das Gesamtkonzept, mit dem der kanadische Zirkus genau das erreicht, was ureigenstes Ansinnen von Theater sein sollte – nämlich die Zuschauer zu entführen und verzaubern.
Der Fährmann, der das Publikum in die Welt von „Alegría” geleitet, ist der bucklige, schillernd-schaurige „Fleur”, der auf der Bühne ein herrisches Regiment führt. Er ist nur eine Figur aus einem ganzes Kabinett eigenartiger Gestalten. Da gibt es die weiße Sängerin, die in einer Fantasiesprache das Bühnengeschehen begleitet und deren Stimme so vielseitig wie pop-tauglich ist. Begleitet wird sie von einer Kapelle mäuseartiger Clowns. Die spielen mal einen schwermütigen Seemannswalzer, mal schwelgerische orientalische Weisen, und dann gibt es wieder Rabatz und Budenzauber.
Fliegende Körper
Der gerät leider meist zu laut. Dabei ist diese akustische Überreizung absolut unnötig – angesichts der Opulenz der Show. Denn freilich ist die Musik vor allem der stimmungsvolle Klangteppich für die Artisten: Die tanzen in elegischen Bewegungen auf Trapez-Schaukeln oder an Bungee-Seilen durch die Luft.
Dann ist der Bühnenraum plötzlich voll von fliegenden Körpern. Am Boden haben sich unmerklich Trampolinbahnen aufgetan. Darüber springen die Artisten in Ninja-Ethno-Kostümen mit Flickflacks, Salti und Schrauben durch- und übereinander. Dabei steht immer die berauschende Schönheit der völlig beherrschten Körper im Vordergrund und nicht die Gefahr eines ungesicherten Salto Mortale.
Zum Schluss tut sich dann doch noch ein Blick in die Abgründe der Zirkuswelt auf: Wie wirbellose Unterwasserwesen treiben die beiden perfekt synchronen Körper der Schlangenmädchen in der unsichtbaren Strömung. Das ist Faszination an der Grenze zum Body-Horror. Man mag sich den phantomschmerzenden Rücken reiben, entziehen kann man sich der Faszination des Cirque du Soleil jedoch nicht.
Olympiahalle, bis 2. Oktober, Tel. 790 78 00
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