Interview

Howard Arman über "Anna Bolena" am Gärtnerplatztheater

Das Gärtnerplatztheater zeigt Donizettis Oper "Anna Bolena" als Livestream. Dirigient Howard Arman spricht im AZ-Interview über die Faszination Oper und über die Atmosphäre in einem leeren Theatersaal.
von  Robert Braunmüller
Jennifer O'Loughlin als Anna Bolena im Gärtnerplatztheater.
Jennifer O'Loughlin als Anna Bolena im Gärtnerplatztheater. © Marie-Laure Briane

Henry VIII. herrscht seit 27 Jahren über England, als er sich, gelangweilt von seiner ersten Frau und zahlreichen Mätressen, in die 24-jährige Anne Boleyn verliebt und sie zu seiner zweiten Frau macht. Aber auch an ihr verliert er bald das Interesse. Gaetano Donizetti hat diese Geschichte 1830 als Oper auf die Bühne des Teatro Carcano gebracht, die nun in einer halbszenischen Aufführung als Livestream aus dem Gärtnerplatztheater übertragen wird. Howard Arman dirigiert.

Dirigent Howard Arman im Interview

AZ: Herr Arman, die Münchner Konzertbesucher kennen Sie als Chef des Chors des Bayerischen Rundfunks. Was zieht Sie in die Oper?
HOWARD ARMAN: Ich habe immer in Theatern gearbeitet, etwa als Musikdirektor in Luzern. Oper ist ein Teil meiner musikalischen Biografie. Daher freut es mich, dass ich wieder an einem Theater arbeiten kann, dass sich in der gleichen Stadt befindet wie der wunderbare Chor des Bayerischen Rundfunks.

Howard Arman, geboren 1954 in London, studierte am Trinity College of Music. Arman leitet den Salzburger Bachchor, den MDR Rundfunkchor und war Musikchef in Luzern. Seit 2015 ist er künstlerischer Leiter des Chors des Bayerischen Rundfunks.
Howard Arman, geboren 1954 in London, studierte am Trinity College of Music. Arman leitet den Salzburger Bachchor, den MDR Rundfunkchor und war Musikchef in Luzern. Seit 2015 ist er künstlerischer Leiter des Chors des Bayerischen Rundfunks.

Opern der italienischen Romantik werden von den Primadonnen dominiert. Hat der Dirigent da überhaupt was zu sagen?
Das Orchester liefert bei Donizetti nicht nur die Begleitung einer wunderbaren Kantilene, sondern auch wichtige Zusammenhänge und Zusatzinformationen, die in rezitativischen Momenten zum Verständnis der Handlung unerlässlich sind. Das ist ein Geben und Nehmen, bei dem die Instrumente sozusagen die Interpunktion zum Gesang setzen. Außerdem muss der Dirigent auf die jeweilige Individualität des Sängers eingehen.

Chor sehr präsent auf der Bühne des Gärtnerplatztheaters

Mussten Sie die Orchesterbesetzung verändern?
Die Streicher wurden reduziert, um Abstand im Graben zu halten. Auch die Entfernung zwischen den Solisten und den Chorsängern auf der Bühne ist größer als sonst. Mir gefällt das: Es hat eine formelle und rituelle Kraft.

Wie szenisch ist die Aufführung?
Maximilian Berling hat nicht nur Auftritte organisiert, sondern eine eigene Bühnenwelt geschaffen. Der Chor hat eine starke Präsenz. Weil sich "Anna Bolena" aus Dialogen und ihren Zuspitzungen zusammensetzt, eignet sich diese Oper besonders gut für diese Form.

Opern-Inszenierung "Anna Bolena" ist ein Drama der Figuren

Haben Sie als Brite eine besondere Beziehung zu Heinrich VIII. und seinen Frauen?
Wie viele Briten, die an Geschichte interessiert sind, fasziniert mich das elisabethanische Zeitalter. Es waren politisch, religiös und kulturell entscheidende Jahre. "Anna Bolena" orientiert sich zwar an den historischen Vorgängen. Aber primär ist es doch ein Drama der Figuren und ihrer Emotionen, bei dem der Hintergrund eher austauschbar ist. Anna Bolena ist eine typische leidende Heldin der romantischen Oper.

Leidet die Atmospähre einer solchen Aufführung unter dem fehlenden Publikum?
Ich spüre es am wenigsten, denn ich verbringe mein Leben damit, dem Publikum den Rücken zuzuwenden. Für die Kollegen auf der Bühne ist das anders, denn Oper lebt von der Chemie zwischen den Zuschauern und den Solisten. Es ist das Herzblut des Theaters, und ich merke als Dirigent schon, wenn es nicht fließt. Aber die Größe der Musik von Donizetti baut eine Brücke, und es ist besser, es so zu machen, als in der gegenwärtigen Situtation gar nichts zu machen.

Im Frühsommer Musical "Das Leben des Brian" im Gärtnerplatztheater

Was macht Ihr Chor zur Zeit?
Der Chor des Bayerischen Rundfunks arbeitet seit März wieder und macht viele Studio-Produktionen und Videos. Gegenwärtig nehmen wir unseren Beitrag für das Weihnachtskonzert der Union europäischer Rundfunkanstalten auf. Rundfunkchöre sind keine Elfenbeintürme. Ich versuche, die gegenwärtige Situation nicht als Einschränkung zu betrachten, sondern als Verpflichtung, mit Flexibiliät neue Projekte zu entwickeln.

Wird es weitere Projekte am Gärtnerplatztheater geben?
Ich dirigiere - hoffentlich - im Frühsommer das Monty-Python-Musical "Das Leben des Brian". Außerdem ist eine Barockoper geplant. Das Gärtnerplatztheater hat ein sehr vielseitiges Orchester, mit dem ich gerne zusammenarbeite.


Kostenloser Livestream von "Anna Bolena" am 4. Dezember von 19 Uhr bis 21.40 Uhr auf der Website des Gärtnerplatztheater sowie auf der BR Kulturbühne.

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